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Erschreckende Zahlen
Tausende Tote pro Jahr durch resistente Keime

Eine Labormitarbeiterin hält eine Indikatorkulturplatte zum Nachweis von resistenten Bakterien in der Hand. Etwa 33 000 Menschen sterben europaweit jährlich infolge von Antibiotika-Resistenzen.
Eine Labormitarbeiterin hält eine Indikatorkulturplatte zum Nachweis von resistenten Bakterien in der Hand. Etwa 33 000 Menschen sterben europaweit jährlich infolge von Antibiotika-Resistenzen. FOTO: dpa / Daniel Karmann
Solna/Saarbrücken. Experten beklagen seit Jahren den übermäßigen Einsatz von Antibiotika. Nun zeigt eine Studie, wie groß die Bedrohung ist, wenn die Wunderwaffe nicht mehr wirkt. dpa/afp/SZ

Mit zehntausenden Toten binnen eines Jahres stellen antibiotika-resistente Bakterien einer Studie zufolge in Europa eine ebenso tödliche Gefahr dar wie die Grippe, Tuberkulose und HIV zusammengenommen. 2015 seien in der EU mehr als 33 000 Menschen an einer Infektion mit den resistenten Keimen gestorben, berichtet eine internationale Forschergruppe im Fachblatt „The Lancet Infectious Diseases“. In Deutschland starben demnach über 2300 Menschen an einer Infektion, gegen die es keine oder nur wenige wirkende Antibiotika gibt. Im Durchschnitt der vergangenen Jahre waren es 2180.


Die Wissenschaftler von der EU-Gesundheitsbehörde ECDC hatten Angaben aus 30 Ländern ausgewertet. Sie konzentrierten sich dabei auf acht Bakterienarten, die Resistenzen aufweisen. Diese verursachen etwa Harn- und Atemwegsinfekte, Infektionen der Blutbahn und an Operationswunden. Besonders gefährdet sind Kleinkinder unter einem Jahr sowie Menschen über 65. Bei Patienten, die sich mit solchen Keimen infizieren, schlagen die entsprechenden Antibiotika nicht an. Teils werden noch wirksame Antibiotika auch zu spät verabreicht, weil die Resistenzen nicht früh genug erkannt werden. Auch an sich harmlose Infektionen können dann schwer, schlimmstenfalls tödlich verlaufen.

Im Jahr 2015 traten insgesamt 672 000 Infektionen mit den untersuchten Bakterien auf, 33 110 Menschen starben daran. Den Angaben zufolge ist die Lage in Skandinavien grundsätzlich besser, in Süd- und Südosteuropa eher problematisch. Besonders viele Infektionen mit resistenten Erregern gibt es in Griechenland und Italien. Deutschland liegt im unteren Drittel, was Infektionen und Todesfälle angeht.



„Die Zahlen entsprechen etwa dem, was wir erwartet haben“, sagte Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Berliner Charité. Es sei davon auszugehen, dass sich die Situation zumindest hierzulande seit 2015 nicht entscheidend verändert habe, sagte sie. Was Verbesserungen anbelangt, sei auch in Deutschland Luft nach oben. „Wir brauchen vor allem noch mehr Aufmerksamkeit, was die Zahl der Antibiotika-Verschreibungen angeht, die ist noch immer zu hoch.“ Das betreffe Kliniken ebenso wie niedergelassene Ärzte. Auch bei vielen Patienten sei noch nicht angekommen, wie wichtig es ist, den Einsatz von Antibiotika auf die wirklich nötigen Fälle zu beschränken.

Im Saarland hatte zuletzt im August eine Analyse von Karlsruher Wissenschaftlern Schlagzeilen gemacht, die in sechs Gewässern resistente Erreger nachweisen konnten. Am stärksten belastet war demnach der Erbach bei Homburg, doch auch im Losheimer Stausee und im Bostalsee waren in geringer Konzentration entsprechende Keime entdeckt worden. Die Landesregierung sah aber keine zusätzlichen Gefahren.