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Interview
„Wir brauchen neues Problembewusstsein.“

 2300 Polizisten waren am 22. Juli 2016 ausgerückt. Als sich David S. wenige Stunden nachdem er neun Menschen erschossen hat, vor den Augen von Polizeibeamten selbst erschießt, ist München in Angst. An über 70 Orten melden Menschen Schüsse, Verletzte und Tote – obwohl es dort keine Bedrohung gab.
2300 Polizisten waren am 22. Juli 2016 ausgerückt. Als sich David S. wenige Stunden nachdem er neun Menschen erschossen hat, vor den Augen von Polizeibeamten selbst erschießt, ist München in Angst. An über 70 Orten melden Menschen Schüsse, Verletzte und Tote – obwohl es dort keine Bedrohung gab. FOTO: dpa / Lukas Schulze
München. Der Polizeisprecher über die Amoknacht, in der zehn Menschen starben und die Münchener Bevölkerung in Angst lebte

Dutzende Schüsse mitten in einem belebten Einkaufszentrum. Heute vor genau einem Jahr erschoss der 18-jährige David S. am Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und dann sich selbst. Der Amoklauf versetzte die ganze Stadt in Aufruhr. Von zahlreichen Orten wurden Schüsse gemeldet, an denen es keine gab. Marcus da Gloria Martins stand als Pressesprecher der Münchner Polzei im Fokus dieser Nacht. Für seine Krisenkommunikation wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt er im April die Theordor-Heuss-Medaille.


Auch ein Jahr danach scheint es unwirklich: Wie konnte die Lage in der Stadt so eskalieren und eine solche Panik entstehen?

Da Gloria Martins Das bedarf eigentlich einer gesonderten wissenschaftlichen Untersuchung. Es gab nicht den einen universellen Grund. Es gab eine gewisse Verunsicherung nach den islamistischen Anschlägen von Paris, Brüssel, Nizza, und dann auch Würzburg. Aber ich glaube nicht, dass es tatsächlich Angst war, die nur durch die Befürchtung getriggert wurde: Da kommt gleich ein Terrorist um die Ecke. Es war ein Gemenge vieler Aspekte und ein kollektives Phänomen. Einer fängt an zu laufen – und jeder, der das sieht, läuft mit. Das hat eine infektiöse Wirkung – wenn es eine entsprechende Grundlage gibt.



Was war denn wirklich an diesen gut 70 anderen Orten los, von denen die Menschen Schüsse und Tote gemeldet haben?

Da Gloria Martins An diesen „Phantom-Tatorten“ gab es absolut nichts Gefährliches. Es genügte aber ein Minimalreiz, um beim Einzelnen den Schalter umzulegen und ihn Dinge als Bedrohung empfinden zu lassen, die völlig harmlos sind. Das waren zum Beispiel herunterfallende Tabletts in einer Gaststätte oder eine umstürzende Aluleiter in einem Geschäft. Beides wurde als Schüsse gewertet. Von all diesen 73 vermeintlichen Tatorten kam von Bürgern unisono die Darstellung: Schüsse, Verletzte, Tote. Es hat nicht ein Einzelner überreagiert, es gab nicht nur einen Anruf pro Tatort, sondern oft mehrere.

Wenn Menschen so leicht massenhaft in Panik geraten, haben dann Terroristen erreicht, was sie wollten: Tiefe Verunsicherung?

Da Gloria Martins Nein. Auch wenn es hier kein Terror war: Die Bevölkerung ist zusammengerückt, die Menschen haben sich gegenseitig Schutz gewährt und sich ähnlich wie in Manchester gegenseitig geholfen. Das ist das Gegenteil dessen, was Terroristen gemeinhin erreichen wollen.

Es hieß, der schnelle Austausch über soziale Medien oder Messengerdienste wie WhatsApp habe zur Eskalation beigetragen. Wie sehen Sie das?

Da Gloria Martins Die sozialen Netzwerke waren nicht allein der treibende Motor, sondern mehr eine Art Fieberthermometer für das, was sich unter der Oberfläche abgespielt hat. Sie haben Gerüchte eher sichtbar gemacht, als dass sie selbst die Quelle dafür gewesen wären. Es war vor allem die unreflektierte Verteilung von Informationen in Messengerdiensten. Das Problem hier: Die Nachricht kommt von Absendern, denen ich als Empfänger vertraue, weil ich sie kenne. Aber ich sehe nicht, ob der Absender sie selbst geschrieben oder nur weitergeleitet hat. Wir haben im Rückblick viele Hinweise darauf, dass gerade in Messengerdiensten unglaublich viele falsche oder falsch gedeutete Informationen verbreitet worden sind.

Wie wollen oder können Sie darauf reagieren?

Da Gloria Martins Wie weit sind wir überhaupt in der Lage, dieses Phänomen einzudämmen? Denn es findet im Kopf des Einzelnen statt. Was wir brauchen, ist ein neues Problembewusstsein. Das da heißt: Ich verbreite nicht alles durch Teilen in die Welt, was ich gerade bekomme, mag es noch so sensationell oder erschreckend sein. In die Köpfe muss eine Sicherung rein.

Die Münchner Polizei hat nach dem Amoklauf viel Lob bekommen – trotzdem haben Sie ein Jahr lang den Einsatz aufgearbeitet. Was haben Sie dabei herausgefunden?

Da Gloria Martins Ein Thema ist die sachgerechte Ausstattung der Beamten. Wir bekommen eine neue Dienstwaffe mit größerem Magazin, 16 Schuss statt bisher acht. Der Täter hatte rund 300 Schuss in seinem Rucksack dabei. Wir haben jetzt zudem einen polizeiinternen Messenger im Test, um Täterbilder schnell an alle Einsatzkräfte weiterzugeben. Außerdem haben wir bei der Betreuung von Opferfamilien und Zeugen den interkulturellen Aspekt unterschätzt.