| 20:53 Uhr

Vogelschwund
Wenn das Vöglein fliehen muss

Paris. Die Zahl der Singvögel über den französischen Feldern geht drastisch zurück. Experten sehen bereits eine ökologische Katastrophe nahen. Von Christine Longin

Über den französischen Feldern könnte dieses Jahr traurige Stille herrschen. Um rund ein Drittel ging der Vogelbestand in den vergangenen 17 Jahren zurück, ergaben zwei Berichte, die Ende März vom naturhistorischen Museum und dem Forschungszentrum CNRS veröffentlicht wurden. „Zahlreiche Regionen mit Getreidefeldern könnten 2018 einen schweigenden Frühling erleben“, warnten die Experten. Schon vor 55 Jahren hatte die US-Umweltschützerin Rachel Carson den Begriff des „Silent Spring“ benutzt, um auf die Folgen des Insektenvernichtungsmittels DDT hinzuweisen.


DDT ist inzwischen verboten, doch andere Gifte sind für die Vögel ähnlich gefährlich. Nicht nur, weil sie sich im Boden anreichern, sondern auch, weil sie den Vögeln mit den Krabbeltieren auch ihre Nahrung wegnehmen. Das massive Insektensterben, das Krefelder Entomologen 2017 in Deutschland feststellten, hat deshalb auch dramatische Konsequenzen für Vögel. „Der Niedergang der Vögel im Agrarraum beschleunigt sich und hat ein Niveau erreicht, das nahe an der ökologischen Katastrophe ist“, heißt es im Bericht der französischen Experten. Die berufen sich auf das Programm STOC, bei dem Forscher jedes Jahr zur selben Zeit am selben Ort den Bestand beobachten und dabei eine dramatische Entwicklung feststellen. „Die Flächen, die mit Monokultur bebaut werden, haben in Frankreich zugenommen und zur Zerstörung des Lebensraums für Vögel und Insekten geführt“, erklärt Benoît Fontaine, Biologe am Naturhistorischen Museum, im „Journal CNRS“. Wiesen, Büsche und Hecken, in denen die Vögel nisten könnten, sind riesigen Getreidefeldern gewichen. Betroffen vom Vogelsterben sind lediglich die Ackerflächen. Die Zahlen der Vögel, die in den Wäldern leben, bleiben weitgehend gleich. „Unsere ländlichen Gebiete drohen zu Wüsten zu werden“, warnt Fontaine. Beim Grauen Rebhuhn verzeichneten die Forscher im Beobachtungsgebiet Deux Sevres zwischen Poitiers und La Rochelle, einem typischen französischen Agrarland, einen Rückgang um 90 Prozent innerhalb von 25 Jahren. Auch der Feldsperling verschwindet: Die Beobachter sahen den Bestand innerhalb von zehn Jahren um 60 Prozent schrumpfen. Sorge machen sich die Biologen ebenfalls um die Feldlerche, den stimmgewaltigen Sänger. Für den Frühlingsboten bleiben nur noch wenige Nistplätze am Feldrand. Laut EU-Statistikbehörde Eurostat ist die Entwicklung in Frankreich symptomatisch für ganz Europa: Zwischen 1990 und 2014 gingen in 26 europäischen Ländern die Zahlen der Feldvögel um 31,5 Prozent zurück. In Großbritannien, wo Biologen schon seit den 60er Jahren ihre Statistiken führen, verschwand fast einer von zwei Vögeln im ländlichen Raum. Deutschland verlor zwischen 1990 und 2013 rund 35 Prozent der Feldlerchen, 80 Prozent der Kiebitze und 84 Prozent der Rebhühner, wie 2017 eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen ergab. Eine gute Reaktion kommt aus Großbritannien: Dort ließen Bauern auf ihren Feldern einen kleinen Platz für die Feldlerchen frei, damit sie in Ruhe brüten können. Das Ergebnis dieser „Lerchenfenster“: wieder mehr Gesang im Frühjahr.