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Das sagen Experten
Warum die Pubertät früher beginnt

Die Pubertät stellt Kinder und Eltern auf die Probe – deutlich früher als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hat das gesellschaftliche Ursachen? Es fehlen Langzeituntersuchungen, sagen Experten.
Die Pubertät stellt Kinder und Eltern auf die Probe – deutlich früher als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hat das gesellschaftliche Ursachen? Es fehlen Langzeituntersuchungen, sagen Experten. FOTO: ehrenberg-bilder/Fotolia / Martinezel.de
Berlin. Der Körper von Kindern entwickelt sich schneller. Ein Experte sieht die Ursachen unter anderem in Gewichtszunahme. Von Elena Metz

Bei zehnjährigen Mädchen wachsen schon Brüste, die erste Regelblutung kann mit elf oder zwölf einsetzen. Im Jahr 2007 lag der Durchschnitt für die erste Periode bei Mädchen in Deutschland bei 12,8 Jahren. Das war nicht immer so: Vor rund 110 Jahren setzte die Pubertät bei Kindern noch rund zwei bis drei Jahre später ein. Lässt sich das mit der gesellschaftlichen Entwicklung erklären, anderen Arbeits- und Essgewohnheiten etwa?


„Dazu braucht es Langzeituntersuchungen, die aufwendig und teuer sind“, sagt der Biochemiker Josef Köhrle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, die sich mit Hormonen und dem Stoffwechsel beschäftigt. „Die Antwort darauf ist komplex.“

In den Entwicklungsjahren verändert sich das Hormonsystem des Körpers. Das Gehirn schüttet Hormone aus, die in den Eierstöcken oder Hoden die Bildung von Sexualhormonen steigern und die Geschlechtsfunktionen des Körpers beeinflussen, Schamhaare und Geschlechtsorgane wachsen.



Als einen der Hauptgründe für die nach vorne verschobene Pubertät sieht Köhrle die Gewichtszunahme bei Kindern. Eine schlechte Qualität der Nahrung, wenig Schlaf und zu wenig Bewegung, weil viel Freizeit vor Bildschirmen verbracht wird, seien einige Ursachen für das Gewicht. Fettgewebe-Einlagerungen führten zu früherer Reifung, darauf gebe es klare Hinweise aus Tierversuchen. Hinzu kommt laut Köhrle die Belastung mit hormonaktiven Substanzen, sogenannten endokrinen Disruptoren, bereits in der Schwangerschaft. „Dadurch werden mehr Fettzellen statt Muskel- und Knochenzellen gebildet, besonders bei Mädchen.“ Für die Belastung des Kindes über die Mutter gebe es solide Daten aus Urin-Messungen von Schwangeren.

Hormonell wirksame Stoffe finden sich etwa in Kunststoffen und Körperpflegeprodukten. In einer Studie untersuchte die Umweltorganisation Bund im Jahr 2013 Kosmetika in Deutschland und fand in nahezu jedem dritten Produkt solche Chemikalien, auch in Babyschnullern und Zahnbürsten. Die Substanz ist Bisphenol-A (BPA). Die EU schätzt diesen Stoff seit 2017 als besonders besorgniserregend ein, auch weil er fortpflanzungsschädigend sei. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass BPA noch in vielen Alltagsprodukten wie Trinkflaschen oder Konservendosen steckt. „Bisphenol-A ist jetzt das Aufregerwort, aber es gibt eine ganze Reihe von gefährlichen Substanzen, die einen giftigen Cocktail ausmachen können“, sagt Köhrle. Über die Hauptverursacher gebe es aber zu wenige Informationen.

Probleme in der Pubertät mit ihrem Körper haben wohl alle Kinder. Für die, bei denen es sehr früh oder sehr spät losgeht, ist die Belastung aber besonders groß. „Einige Studien zeigen, dass sowohl Früh- als auch Spätentwickler durchschnittlich ein erhöhtes Risiko für verschiedene soziale und emotionale Anpassungsstörungen haben“, sagt Entwicklungspsychologin Michaela Riediger von der Universität Jena. „Besonders gut belegt ist ein erhöhtes Depressionsrisiko bei vergleichsweise früh pubertierenden Mädchen.“

Eine frühere Pubertät bedeutet aber nicht automatisch einen früheren Beginn des Sexuallebens. Wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für ihren Bericht 2015 ermittelt hat, ist die Zahl der sexuell aktiven 14-Jährigen deutscher Herkunft wieder deutlich zurückgegangen: Nach teilweise zweistelligen Werten im Zeitraum 1998 bis 2005 (zwischen zehn und zwölf Prozent) liegen die Zahlen wieder im einstelligen Bereich (zwischen sechs und drei Prozent). Junge Menschen fühlen sich demnach auch insgesamt viel besser aufgeklärt als noch in den 80ern. 90 Prozent der 14- bis 17-Jährigen reden über Verhütung.