| 19:57 Uhr

Tod im Haus der Hoffnung

Brüggen. Nach dem Tod von drei Patienten einer alternativen Krebsklinik am Niederrhein ermitteln die Behörden. Ein Heilpraktiker behandelte dort mit einem nicht zugelassenen Wirkstoff. War die Therapie tödlich? afp/dpa

Für Krebskranke wird das hübsche Backsteinhaus in den vergangenen beiden Jahren wohl ein Haus der Hoffnung gewesen sein. Nun sind zwei Frauen und ein Mann aus den Niederlanden und Belgien tot. Zwei weitere Patientinnen liegen im Krankenhaus. Als die Beschwerden auftraten, soll der Heilpraktiker in der alternativen Krebsklinik in Brüggen-Bracht am Niederrhein nicht den Notarzt alarmiert, sondern die Patienten mit Vitaminen versorgt haben, wie der Kreis Viersen am Freitag mitteilte. Die Behörde erstattete demnach Strafanzeige gegen den Mann. Der wollte sich erst einmal nicht zu den Vorwürfen äußern. Belgische, niederländische und deutsche Ermittler gaben eine Warnmeldung an weitere mögliche Patienten heraus.



Sind die gestorbenen Patienten Opfer der Behandlung? Oder starben sie an ihrer schweren Krankheit? Die Staatsanwaltschaft war am Freitag dabei, das zu klären. "Krebspatienten sind schwer kranke Menschen. Es kann auch sein, dass sie an ihrer Grundkrankheit gestorben sind", gab die Leiterin des Krebsinformationsdienstes Heidelberg, Susanne Weg-Remers, zu bedenken. Alternative Heilmethoden seien immer wieder ein Thema: "Wenn man das Gefühl hat, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, wenn die Schulmedizin keine Heilungschance mehr verspricht, dann sind Menschen bereit, etwas auszuprobieren." Chemotherapie, Bestrahlung, Operation - viele Patienten hätten auch Angst vor der Schulmedizin und suchten deshalb nach alternativen Methoden.

Das Klaus Ross Zentrum für alternative Krebstherapie richtet sich auf seiner Internetseite vor allem an Patienten aus den Niederlanden. Denn dort werde die alternative Heilkunde strenger reguliert.

Der Heilpraktiker , der seine Praxis seit 2014 betreibt, warb wie in einem Heilsversprechen für die Therapie mit einem Wirkstoff, der nicht als Medikament zugelassen ist: 3-Bromopyruvat sei das aktuell beste Präparat zur Tumorbehandlung, heißt es auf der Homepage - viel effektiver als Chemotherapeutika : Die Tumorzelle sterbe ohne drastische Nebenwirkungen, so das Versprechen. Keine Rede davon, dass 3-Bromopyruvat noch in der Grundlagenforschung ist und an Zellkulturen und an Tieren getestet wird. Krebspatienten bezahlten für das Therapie-Komplettpaket laut der Homepage knapp 10 000 Euro.

Patienten müssten die Freiheit haben, ihre Therapie zu wählen, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Aber das Gesundheitsamt des Kreises sei zuständig für die Überwachung der Berufe im Gesundheitswesen, damit es keine Scharlatanerie gebe. Das Gesundheitsamt sah nach eigenen Angaben keinen Anlass, sich vor Ort in der Praxis umzusehen. Es habe auch keine Beschwerden von Patienten gegeben. Nach dem zuerst bekannt gewordenen Todesfall hatte das Zentrum am Mittwoch von dem "unbegründeten Verdacht" gesprochen, dass die Klinik dafür verantwortlich sein könnte. Nach der Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft wurde die Praxis bereits Mitte der Woche behördlich geschlossen. Dem Mann wurde untersagt, weiterhin als Heilpraktiker im Kreis Viersen tätig zu sein.