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Sprachexperten
„Heißzeit“ ist das Wort des Jahres

  Die Wahl des Wortes „Heißzeit“ soll die Aufmerksamkeit der Menschen auf das  Klimaproblem lenken.
Die Wahl des Wortes „Heißzeit“ soll die Aufmerksamkeit der Menschen auf das  Klimaproblem lenken. FOTO: dpa / Silas Stein
Wiesbaden. Den Sprachexperten geht es nicht nur um den langen, heißen Sommer. Der Begriff schlage eine Brücke zum Klimawandel. Von Andrea Löbbecke

Der extreme Sommer 2018 hat sich in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Das spiegelt sich auch im Wortschatz wider: Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) kürt den Begriff „Heißzeit“ zum „Wort des Jahres“. Die neunköpfige Jury sei sich in diesem Jahr ungewohnt rasch einig geworden was den ersten Platz angeht, sagt der GfdS-Vorsitzende Peter Schlobinski am Freitag in Wiesbaden.


„Heißzeit“ umschreibe nicht nur den heißen und trockenen Sommer. Das Wort schlage mit seiner Ähnlichkeit zu „Eiszeit“ eine Brücke zu „einem der gravierendsten globalen Phänomene des frühen 21. Jahrhunderts“, dem Klimawandel. „Der heiße Sommer hat uns sehr lange beschäftigt“, sagt Schlobinski. Darüber hinaus mache der Begriff „Heißzeit“ deutlich, „dass wir uns in einem Klimawandel befinden“. Dies sei der entscheidende Faktor bei der Wahl gewesen, betont der Experte. Außerdem sei die Wortschöpfung sprachwissenschaftlich interessant.

Der Begriff sei keineswegs neu. Der Umweltjournalist Franz Alt habe ihn bereits 1992 benutzt, um vor den Folgen des Klimawandels zu warnen. Angesichts des heißen Sommers 2018 und einer aufrüttelnden internationalen Studie zu einer möglichen künftigen Heißzeit hatte die Nutzung des Wortes an Dynamik gewommen. In der Internetsuchplattform Google fanden sich bereits vor der Kür zum Wort des Jahres rund 130 000 Treffer für „Heißzeit“.



Das Argument „den Begriff kennt doch kaum einer“ lässt Schlobinski nicht gelten – denn bei der Wahl zum „Wort des Jahres“ sei die Häufigkeit nicht der entscheidende Faktor, betont er. Es gehe vielmehr um die gesellschaftliche Bedeutung. „Hat ein Thema das Jahr bestimmt?“ Dies treffe beim Klimawandel zu.

Das naturwissenschaftlich korrekte Pendant zu Eiszeit ist Warmzeit. „Heißzeit“ hat ein internationales Forscherteam in einer Studie eine Phase genannt, die in Zukunft eintreten kann, wenn Klimasysteme kippen und sich so gegenseitig verstärken. Das würde die Erde langfristig um vier bis fünf Grad erwärmen, wie das an der Studie beteiligte Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) schreibt.

Er freue sich über die Auswahl zum „Wort des Jahres“, sagt PIK-Gründer Hans Joachim Schellnhuber auf dpa-Anfrage. „Es hilft noch mal, die Aufmerksamkeit der Menschen auf unser großes Klimaproblem zu lenken.“ Er sei jedoch nicht damit zufrieden, „dass wir den Begriff überhaupt verwenden müssen“, warnt der Klimaforscher. „Denn es stellt ja eine große Bedrohung dar.“

Es könnte künftig womöglich keinen Wechsel mehr geben zwischen Warmzeit und Eiszeit, „sondern wir würden direkt in eine Heißzeit“ schlittern, erklärt Schellnhuber. Es bestehe die Gefahr, dass „wir in eine neue geologische Epoche hineinrutschen“.

Zwar sei „Heißzeit“ noch kein allseits bekanntes Wort und fehle im großen Duden, erläutert Jury-Mitglied Bär. „Sollten sich die hochtemperaturigen Sommermonate künftig häufen, so bestehen durchaus Chancen, dass sich das schillernde Substantiv im Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache fest etabliert.“