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Jahresrückblick Panorama
Geht es nicht ein kleines bisschen küüüh-ler?

 Affenhitze im Kuhstall: Die Kühe ließen sich im niedersächsischen Wahrenholz per Wasserdusche berieseln. Anders wären die hohen Temperaturen des Sommers nicht auszuhalten gewesen.
Affenhitze im Kuhstall: Die Kühe ließen sich im niedersächsischen Wahrenholz per Wasserdusche berieseln. Anders wären die hohen Temperaturen des Sommers nicht auszuhalten gewesen. FOTO: dpa / Holger Hollemann
Saarbrücken/Offenbach. Nicht nur dem Vieh im Stall war es zu heiß: Der Sommer 2018 war der zweitwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Von Fatima Abbas
Fatima Abbas

Als Sommermärchen kann man das, was die deutsche Fußball-Nationalelf Ende Juni abgeliefert hat, wohl wahrlich nicht bezeichnen. Ein Schock für Jogis Jungs und viele Fans in Deutschland. Doch die bittere Enttäuschung ist nicht alles, was von diesen Wochen bleibt. Denn es gab durchaus eine Art Sommermärchen: eine Sonne, die so zuverlässig schien, dass sie jegliche Urlaubsreise in den Süden überflüssig machte.


Die andere Seite der Klimamedaille: Zwischen April und Oktober fiel so wenig Regen wie noch nie in diesem Zeitraum – 40 Prozent unter dem langjährigen Mittelwert. Rund um den Globus registrierte die US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA im Juli 118 Hitzerekorde. Die Meteorologen sind sich einig: Der Sommer 2018 war der zweitheißeste in Deutschland seit Beginn regelmäßiger Messungen im Jahr 1881. 19,3 Grad Celsius ergab der bundesweite Temperaturdurchschnitt. Einzig der Sommer 2003 war mit einem Durchschnittswert von 19,7 Grad heißer.

Der Rhein-Pegel sank auf ein derart niedriges Niveau, dass die Schiffe auf einer der wichtigsten Wasserstraßen Europas wesentlich weniger Ladung aufnehmen konnten. Die Transportpreise explodierten, Unternehmen klagten über Engpässe.



Der heißeste Ort Deutschlands war Bernburg an der Saale. Am 31. Juli kletterte das Thermometer dort auf 39,5 Grad. Auch hier in der Region ging es heiß her: Die Trinkwasserversorgung bewegte sich in Saarbrücken „am Rande der Leistungsfähigkeit“. Die Schwimmbäder wussten gar nicht mehr wohin mit all den Gästen. Der von der Hitze berauschte Borkenkäfer raffte im Saarland 50 000 Fichten dahin.

In Rheinland-Pfalz registrierten die Meteorologen in den drei Sommermonaten etwa 800 Sonnenstunden – im langjährigen Mittel sind es von Juni bis August sonst nur 595. Im August herrschte mancherorts sogar Panik vor Weihnachtsbaum-Ausfällen. Jetzt im Dezember weiß man: Die Angst war weitgehend unbegründet. Es mangelte in den besinnlichen Tagen nicht an Bäumen, sondern vor allem an dem, was sich viele rund um die Weihnachtstage als Baumschmuck im Freien wünschen: Schnee.

Mancherorts regten die Top-Temperaturen die Kreativität an: So grillte eine Frau im ostchinesischen Shandong Fisch und Süßkartoffeln auf ihrer Motorhaube. In Japan tüftelte das Unternehmen Asahi Power Service an einem drohnenbetriebenen Sonnenschirm, der über dem Nutzer schwebend aufpassen soll, dass das Haupthaar vor lauter Hitze nicht anbrennt (die Variante gegen Niederschlag wird auch getestet). Wermutstropfen: Das Gerät wiegt fünf Kilo und hält gerade einmal fünf Minuten durch. Aber das wollen die Tüftler bis zum Serienstart 2019 behoben haben. Zu seiner Motivation sagte Firmenchef und „Schirmherr“ Kenji Suzuki: „Ich habe das entwickelt, weil ich nicht gerne einen Schirm halte.“ Ein absolut wasserdichtes Argument.

Auch die Landwirte in Niedersachsen hatten das Hitzethema auf dem Schirm. Wenn das Thermometer mal wieder ungebremst in die Höhe schnellte, schossen sie Wasserstrahlen aufs Vieh – im Fachjargon: Kuh- und Schweinedusche. Da ging es im Stall oft zu wie vor der angesagten Dorf-Disko: Schlange-Stehen, bis es feucht-fröhlich wird. Die Stallhüter haben sich tierisch gefreut.

Für den Menschen gab’s zur Abkühlung dagegen vor allem Speiseeis. Bereits in den ersten fünf Monaten des Jahres boomte der Verkauf der beliebten Nachspeise (für manche in diesem Sommer auch Haupt- und Dauerzwischenspeise). Der Handel nahm bis Mai laut Bundesverband der Süßwarenindustrie allein fürs Eis schätzungsweise 50 bis 60 Millionen Euro mehr ein als im gleichen Vorjahreszeitraum. Und während die „Grundnahrungsmittel“ Bier und Wasser drohten, zur Neige zu gehen, konnten Eis-Fans beruhigt weiterschlemmen – Vorräte und Sonderschichten gab es zuhauf.

Wie der entsprechende Bundesverband mitteilte, lag in diesem Jahr der Eiskonsum pro Person in Deutschland „deutlich über acht Litern“. Ein satter Rekord.

Zu den Schattenseiten der Extremtemperaturen gehörten die Naturkatastrophen – unter ihnen die verheerenden Waldbrände in Griechenland und später auch in Kalifornien. Dutzende Menschen starben, hunderte wurden verletzt.

Allein im Hof einer Villa im Badeort Mati bei Athen bargen die Einsatzkräfte im Juli die verkohlten Leichen von 26 Menschen, darunter kleine Kinder. Medien im Land schrieben von der „schlimmsten Brandkatastrophe in der jüngeren griechischen Geschichte“.

In Spanien, Frankreich und Italien forderten Überschwemmungen zahlreiche Todesopfer. Bei Erdbeben- und Tsunami-Katastrophen Anfang Oktober und dann kurz vor Heiligabend in Indonesien starben mehr als 2400 Menschen.

Szenen, die uns auch künftig wohl nicht erspart bleiben werden. Klimaexperten warnen für die kommenden Jahre vor häufigeren Wetterextremen. Anfang Oktober richtete der Weltklimarat (IPCC) einen verzweifelten Appell an die Menschheit: Wenn wir so weitermachen, steuert die Erde bis Ende des Jahrhunderts auf eine Erwärmung von drei bis vier Grad Celsius zu. Von dem 1,5-Grad-Ziel wäre man dann so weit entfernt wie die Nationalelf vom Weltmeistertitel – allerdings mit deutlich schlimmeren Folgen.