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Kirchenraub hält Polizei in Atem

Polizei vor dem Kölner Dom: Der Touristenmagnet ist zum wiederholten Mal das Ziel von Einbrechern geworden. Foto: dpa
Polizei vor dem Kölner Dom: Der Touristenmagnet ist zum wiederholten Mal das Ziel von Einbrechern geworden. Foto: dpa FOTO: dpa
Frankfurt. Einbrüche in Gotteshäuser sind in Deutschland an der Tagesordnung. Meist ist der materielle Schaden geringer als der ideelle. Und sehr häufig bleiben die geklauten Gegenstände auf ewig verschollen. epd-Mitarbeiter Dieter Schneberger

Kurz vor Rosenmontag lassen Diebe aus der Wallfahrtskirche Neviges bei Wuppertal eine Marienfigur aus dem Jahr 1681 mitgehen. Im April stehlen Unbekannte aus dem Frankfurter Kaiserdom eine Reliquie der Heiligen Hedwig, die in eine vergoldete Sonnenmonstranz eingefasst ist. Und im Juni ist Deutschlands Touristenmagnet Nummer eins, der Kölner Dom, zum wiederholten Mal das Ziel von Einbrechern, die Polizei hat viel zu tun. Diesmal verschwindet ein Stoffläppchen mit einem Blutstropfen von Papst Johannes Paul II. wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen.



Die Kirchen, Klöster und Kapellen in Deutschland erhalten in schöner Regelmäßigkeit Besuch von Langfingern. Die Eindringlinge haben es nach den Angaben von Frank Scheulen vom Landeskriminalamt in Düsseldorf vor allem auf Bargeld, edles Geschmeide und Kunsthandwerk, aber auch auf Computer oder anderes elek tronisches Gerät abgesehen. Die Gegenstände bleiben in aller Regel verschwunden.

Im vergangenen Jahr sei durch 817 Einbrüche und Diebstähle in Gotteshäusern an Rhein und Ruhr ein Schaden von 352 000 Euro entstanden, rechnet Scheulen vor. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau registrierte 2015 bei 18 Einbrüchen und Einbruchsversuchen einen Schaden von mehr als 37 000 Euro. Dabei sei der Vandalismus-Schaden, der durch das Aufhebeln von Fenstern, Türen oder Schränken entsteht, in der Regel um ein Vielfaches höher als der Wert der gestohlenen Gegenstände, sagt Pressesprecher Volker Rahn.

Manchmal gehen die Diebe so dreist vor wie in einem schlechten Samstagabend-Krimi. Im Mainzer Dom schlugen sie schon einmal während eines Gottesdienstes zu und montierten ein historisches Schiffchen von einem Weihrauchfass ab, wie Domdekan Heinz Heckwolf berichtet. Ein andermal kaperten sie die Mainzer Fronleichnamsprozession und brachen den Opferstock auf. Und im Frankfurter Dom benutzten die unbekannten Diebe einen Bolzenschneider, um an den Reliquien-Behälter im südlichen Querschiff heranzukommen.

Für die meisten Geschädigten ist der materielle Verlust das kleinste Problem. "Der Gewinn der Diebe ist in der Regel gering", weiß der hessen-nassauische Kunstbeauftragte Markus Zink. "Häufig sind die Edelmetalle lediglich Auflagen. Was bleibt, ist versilbertes Messing mit einem Materialwert von ein paar Euro." Der ideelle Wert und der kunsthistorische Verlust seien dagegen erheblich. "Da hängt oft eine generationenlange Geschichte an einem Taufteller oder Abendmahlskelch." Entsprechend verschnupft reagierten etwa der Frankfurter katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz und der Kölner Dompropst Gerd Bachner im Frühjahr nach der Entdeckung der Diebstähle in ihren Predigt-Kirchen. Das 1955 entstandene Reliquiar sei ein Geschenk des Bistums Görlitz an den Bartholomäusdom und für die Gläubigen von unschätzbarem Wert, sagte zu Eltz. Die Heilige Hedwig werde als Patronin in Deutschland und Polen verehrt und gelte als Trösterin der Heimatvertriebenen.



Auch Bachner verwies auf die Bedeutung des heiliggesprochenen polnischen Papstes für das Kirchenvolk. Mit seinem Glaubenszeugnis habe er viele Menschen berührt und nachdenklich gemacht, Unzähligen sei er zu einem Vorbild geworden. "Für mich ist der Diebstahl deshalb nicht nur ein pietätloses Vergehen, sondern wie eine Schädigung dieses großen Menschen noch nach seinem Tod - und aller Menschen, die im Dom diese Gedenkstätte aufsuchen", sagte Bachner.

Mit dem Diebstahl gehe immer eine "tiefe Verletzung der religiösen Gefühle der Gläubigen einher", sagt die Pressereferentin des Erzbistums Köln, Sarah Meisenberg. Abhilfe könnten Alarmanlagen, Videoüberwachung oderprivate Sicherheitsdienste schaffen. Aber davon wollen die meisten Verantwortlichen nichts wissen.