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Amoklauf
Journalisten-Morde aus Rache

Washington. Amokläufer tötet bei Attacke auf US-Zeitungsredaktion in Maryland fünf Menschen – Kritiker geben Trump Mitschuld. Von Friedemann Diederichs und Frank Herrmann

Zuerst wirft er Rauchbomben. Dann zerschießt er die Glastür zum Eingang der Zeitungsredaktion der „Capital Gazette“ in Annapolis im US-Bundesstaat Maryland. Anschließend feuert er in den Redaktions-Großraum. Journalisten verbergen sich unter Schreibtischen und flehen in sozialen Medien um Hilfe. Die kommt am Donnerstagnachmittag nach nur 60 Sekunden.


Der Attentäter, der 38-jährige Jarrod Ramos, wirft beim Eintreffen der Cops seine „Pumpgun“ weg und kriecht ebenfalls unter einen Schreibtisch. Doch er wird schnell festgenommen. Die blutige Bilanz: fünf Tote. Vier Journalisten, der jüngste 56, die älteste 65, und eine Marketing-Spezialistin. Zwei weitere Angestellte wurden verletzt. Es wären noch mehr Opfer zu beklagen, wäre Ramos nicht die Munition ausgegangen, schrieb Gerichtsreporter Phil Davis auf der Website des Blatts. Kurz darauf sind sich die Ermittler einig: Der Amoklauf war ein Racheakt.

Die Identifizierung von Ramos zieht sich zunächst hin, weil der Täter sich Teile der Fingerkuppen abschneidet, um den Ermittlern die Arbeit zu erschweren. Für Polizeichef William Krampf steht jedoch schnell fest, dass die Tat geplant war.



Was ihn zu seiner Wahnsinnstat trieb, glaubt man früh zu ahnen. Der Computerexperte nahm der Zeitung übel, was sie im Juli 2011 über ihn geschrieben hatte. Unter der Überschrift „Jarrod möchte dein Freund sein“ schilderte einer ihrer Redakteure, wie Ramos vergebens die Nähe einer Frau suchte. Zunächst versuchte er per Freundschaftsanfrage auf Facebook Kontakt zu ihr aufzunehmen. Als sie ihm die kalte Schulter zeigte, wurde er aufdringlicher. So hatte es die Kolumne skizziert, worauf er Klage einreichte: Man habe seinen Ruf zerstört und obendrein seine Privatsphäre verletzt. Er verklagt die Zeitung und scheitert in zwei Instanzen. Nach der Tat berichten die Journalisten von Drohungen.

Am Donnerstag um 14.40 Uhr Ortszeit macht er Ernst. Augenzeugen wie Phil Davis sprechen nach der Tat von einer „Kriegszone“: „Es gibt nichts Schlimmeres, als diese Schüsse zu hören und wie der Täter neue Munition lädt.“ Ein Fotograf gibt seine Gedanken später so wieder: „Ich kann nicht begreifen, dass heute der Tag ist, an dem ich sterben werde.“ Der Mann überlebt unverletzt. Doch andere haben dieses Glück nicht. Wie der 61-jährige Gerald Fishman, Leiter der Meinungsseite. Oder Sportredakteur John McNamara. Die beiden Männer hingegen, die in das Gerichtsverfahren mit Ramos verwickelt waren, arbeiten längst nicht mehr bei dem Blatt.

US-Präsident Donald Trump verkündet kurz nach der Tat über Twitter, seine Gedanken seien bei den Opfern und Familien. Redaktionen führender Zeitungen in New York und Washington verstärken die Sicherheitsvorkehrungen. Gleichzeitig entbrennt die Debatte, ob das vergiftete politische Klima zu dem Amoklauf beigetragen haben könnte. Die schärfsten Worte findet auf Twitter der Produzent der Erfolgsserie „The Wire“, David Simon: „Blut heute in einer Redaktion,“ schreibt Simon an Trump gerichtet, „bist Du stolz, du bösartiger faschistischer Hurensohn?“ Die Demokratin Randi Weingarten postet: „Ein Alptraum. Die Dämonisierung der Presse hat zu Schüssen auf die Presse geführt.“