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Campino im Interview
„Ich gehe vielen Leuten auf die Nerven“

Der Sänger Campino der Band „Die Toten Hosen“ heißt mit bürgerlichem Namen Andreas Frege.
Der Sänger Campino der Band „Die Toten Hosen“ heißt mit bürgerlichem Namen Andreas Frege. FOTO: dpa / Britta Pedersen
Düsseldorf. Der Kopf der Toten Hosen verrät, dass er heiraten möchte und warum er die Grünen wählt und Angela Merkel dennoch mag.

Früher Nachmittag im Hauptquartier der Toten Hosen im Düsseldorfer Stadtteil Flingern. Campino ist müde, aber gut gelaunt. Am vergangenen Abend stand er noch auf der Bühne, danach sah er sich bis in den Morgen Berichte über den Sieg des FC Liverpool an.


Wann schlafen Sie nach Konzerten eigentlich ein?

CAMPINO Zwischen drei und vier Uhr morgens versuche ich, die Augen zuzumachen. Ich stelle alle Telefone aus und schlafe so lange, wie mein Körper es braucht. Das klappt nicht immer. Aber nach einer guten Nacht wache ich mittags um ein Uhr auf, dann startet für mich der Tag.



Elvis fand die Ruhe nach Konzerten grausam.

CAMPINO Mich stört sie überhaupt nicht. Ich bin aber auch schon ein bisschen älter als Elvis. Ich gucke mir zuhause oft noch einen Film an, oder ich lege ganz leise Musik auf.

Welche Musik?

CAMPINO Sehr viel Beatles. Das läuft dann ganz leise. Ich erahne die Musik mehr, als dass ich sie tatsächlich höre. Arvo Pärt ist für mich auch so ein Einschlaf-Garant. Seine Musik ist gut gegen das Klingeln im Ohr, das ich nach Konzerten oft habe.

Sie wirken ausgeglichen. These: Das hat mit privatem Glück zu tun.

CAMPINO Ich vermeide es, solche Dinge öffentlich zu zelebrieren.

Wir sind unter uns.

CAMPINO Sagen wir so: Ich bin gesund, mir geht es gut, und außerdem bin ich auch noch fest liiert.

Wie fest?

CAMPINO Wir können uns vorstellen, irgendwann zu heiraten, aber es gibt keinen Termin. Das fühlt sich gerade sehr gut an. Ich habe jede Menge Erfahrungen, Höhen und Tiefen erlebt wie jeder andere Mensch in meinem Alter auch. Aber in letzter Zeit habe ich immer mehr das Gefühl, angekommen zu sein.

Ihr Sohn ist 13. Hört er Hip-Hop?

CAMPINO Ja. Er ist auch ein guter Skater geworden und fährt auf den größten Pipes. Er rappt auch für sich selbst und schreibt Texte. Das macht mir viel Freude.

Sie haben an Angela Merkel appelliert, sie möge durchhalten.

CAMPINO Ein direkter Appell war das nicht, vielmehr ein herausgerissener Nebensatz aus einem Interview. Viele Leute haben Freude daran, mich als Merkel-Freund darzustellen. In meiner Wunschwelt allerdings wäre der Kanzler oder die Kanzlerin jemand von den Grünen. Seit Anfang der 80er Jahre wähle ich nichts anderes. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, mein Kreuz bei der CDU zu machen. Aber wenn es um die Kanzlerfrage geht, setze ich mich hin und überlege, wie die machbaren Optionen aussehen.

Da sind Sie dann Realist?

CAMPINO Die Grünen werden den Kanzler auf absehbare Zeit nicht stellen. Also geht es für mich um die Vermeidung des Schlimmsten. Ich sehe bei den meisten Parteien keine Person, mit der ich mich wirklich wohlfühlen würde. Und von daher fände ich es gut, wenn Merkel sich noch mal in den Ring begibt.

Was schätzen Sie an ihr?

CAMPINO Sie steht außenpolitisch für Stabilität. Bei den ganzen Egomanen, die in der Welt regieren, kann sie sich als Frau mit anderen Mitteln den Problemen stellen als Männer wie Martin Schulz, der am verlorenen Wahlabend wie eine beleidigte Leberwurst kategorisch die Zusammenarbeit in einer Regierung ausschließt.

Sie mögen ihn nicht?

CAMPINO Für die wirklich schwierigen Themen ist dieser Mann anscheinend nicht zu gebrauchen. Wir Bundesbürger sind zur Wahl gegangen und haben angekreuzt, wer unserer Meinung nach das Land führen soll. Eine Partei, die aber nicht wirklich mitmachen und regieren will, die brauche ich auch nicht zu wählen. Das gilt auch für die FDP.

Das politische Magazin „Cicero“ wirft Ihnen „pseudopolitische Naivität“ vor.

CAMPINO Damit muss ich leben. Ich kenne diese Versuche auch von Leuten aus der rechten Ecke, mir vorzuwerfen, dass ich ein großer Merkel-Jünger sei.

Welches Interesse steckt dahinter?

CAMPINO Man will mir eine politische Kehrtwende unterstellen, mich diskreditieren, mundtot machen.

Warum?

CAMPINO Ich glaube, ich gehe vielen Leuten unheimlich auf die Nerven.

Sie haben Ihren Frieden mit der Gegenwart gemacht?

CAMPINO Zum Frieden ist es noch etwas hin, aber ich habe kein Bedürfnis mehr, mich übermäßig aufzuspielen. An Wochenenden wurde ich früher nervös, weil es so viel zu verpassen gab. Das gibt’s bei mir nicht mehr. Manchmal genügt es mir, am Rhein Fahrrad zu fahren und spazieren zu gehen. Dazu ein „Tatort“, und die Welt ist in Ordnung, weil der Gute am Ende gewinnt.

Die Fragen stellte Philipp Holstein.