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Hurrikan Florence
„Das Schlimmste kommt erst noch“

Wasser, so weit das Auge reicht: Ein Mitarbeiter der US-Küstenwache kämpft sich durch die Fluten auf einer Straße in Newport in North Carolina, um Häuser zu überprüfen. Der Sturm hatte die Stadt am Samstag getroffen.
Wasser, so weit das Auge reicht: Ein Mitarbeiter der US-Küstenwache kämpft sich durch die Fluten auf einer Straße in Newport in North Carolina, um Häuser zu überprüfen. Der Sturm hatte die Stadt am Samstag getroffen. FOTO: AP / Tom Copeland
Raleigh/North Carolina. Hurrikan „Florence“, mittlerweile zu einem Tropentief herabgestuft, flutet jetzt den Südosten der USA. Es gibt mehrere Tote. Von Frank Herrmann

Es hört einfach nicht auf. Das Schlimmste ist der Dauerregen. Während sich der Hurrikan „Florence“, mittlerweile zu einem Tropentief herabgestuft, im Schneckentempo von der Atlantikküste weg aufs Appalachengebirge zubewegt, sind im Südosten der USA ganze Landstriche überflutet. Nicht nur am Ufer des Ozeans, sondern auch tief im Hinterland. Es sind Bilder, die an den Wirbelsturm „Harvey“ denken lassen, der im August vor einem Jahr die texanische Millionenstadt Houston unter Wasser setzte. Nur dass es diesmal keine Metropole ist, die es trifft, sondern die amerikanische Südstaatenprovinz mit ihrem dichten Netz an Flüssen und Bächen.


In Swansboro, einem Küstenort nordöstlich von Wilmington, fielen seit Freitag fast 80 Zentimeter Regen, etwa die Hälfte dessen, was dort in einem statistischen Durchschnittsjahr gemessen wird. Auch weit im Landesinneren drohen verheerende Überschwemmungen, etwa 140 Kilometer vom Atlantik entfernt in Fayetteville, einer Stadt mit 200 000 Einwohnern, wo der Cape Fear River über die Ufer zu treten droht. „Das Schlimmste kommt erst noch“, warnt Mitch Colvin, der Bürgermeister von Fayetteville.

„Wir haben es buchstäblich mit Wänden aus Wasser zu tun“, skizziert Roy Cooper, der Gouverneur des Bundesstaats North Carolina, in alarmierender Zuspitzung die Lage. Das Tropensystem lade „epische“ Regenfälle ab, sodass selbst Gegenden, in denen man ­normalerweise kein Überflutungsrisiko kenne, plötzlich gefährdet seien.



Als „Florence“ die Küste North Carolinas erreichte, fielen die Windschäden zunächst geringer aus, als manche Meteorologen befürchtet hatten. Das Zentrum des Sturms war am Freitagmorgen (Ortszeit) in der Höhe von Wrightsville Beach auf Land gestoßen, ein Hurrikan der Kategorie 1, nicht der Kategorie 4, wie es der Wetterdienst der Vereinigten Staaten Tage zuvor noch für möglich gehalten hatten. Aber da „Florence“ praktisch auf der Stelle tritt, da sich das Tief mit der Geschwindigkeit eines Fußgängers bewegt, statt rasch weiterzuziehen, verwandelt es weite Gebiete mit rekordverdächtigen Niederschlägen in Seenlandschaften. Experten rechnen damit, dass sich die Wassermassen noch am heutigen über Land ergießen, das schon jetzt keinerlei Wasser mehr aufnehmen kann.

Katastrophenschützer mussten ausrücken, um Menschen aus überfluteten Häusern zu retten. Allein in New Bern, einer im 18. Jahrhundert von Einwanderern aus der Schweiz gegründeten Kleinstadt am Zusammenfluss von Trent River und Neuse River, wurden rund 400 Eingeschlossene auf Booten in Sicherheit gebracht. Da vielerorts Stromleitungen herabgerissen wurden, mussten mit Stand vom Sonntag nahezu 800 000 Haushalte ohne Elektrizität auskommen.

Nach Angaben der Behörden harren allein in North Carolina mindestens 20 000 Menschen in Notunterkünften aus. Viele waren rechtzeitig vor dem Sturm mit der Aufforderung zur Evakuierung geflohen, um in Schulturnhallen, Kirchen oder Verwaltungsgebäuden zu campieren. Andere mussten in letzter Minute in Sicherheit gebracht werden, nachdem sie gehofft hatten, „Florence“ aussitzen zu können.

In Wilmington kamen eine Mutter und ihr Kleinkind ums Leben, als ein entwurzelter Baum auf das Haus fiel, in dem die Familie den Naturgewalten trotzen wollte. In einem Landkreis in South Carolina wurde eine 61-jährige Frau getötet: Auf einer Landstraße unterwegs, fuhr sie im Dunkeln gegen den Stamm einer umgestürzten Eiche. Ein Ehepaar starb, nachdem Funken, die aus lose in der Luft baumelnden Stromleitungen sprühten, einen Brand ausgelöst hatten. Ein Mann erlitt einen Stromschlag, während er versuchte, ein Notstromaggregat in Gang zu setzen. In einem Dorf namens Hampstead waren Rettungssanitäter alarmiert worden, nachdem eine Frau einen Herzinfarkt erlitten hatte. Jedoch versperrten umgestürzte Bäume den Zugang zu dem Haus, sodass die Helfer zu spät kamen, um  Hilfe zu leisten. Insgesamt ist die Zahl der Toten inzwischen auf 14 angestiegen.