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Schmuggel im Gefängnis
Wenn Handys zur heißen Ware werden

 Handy in Heringsdose: Die Telefone sind im Knast zur heißen Schmuggel-Ware geworden – wie Drogen.
Handy in Heringsdose: Die Telefone sind im Knast zur heißen Schmuggel-Ware geworden – wie Drogen. FOTO: dpa / Peter Endig
Berlin. Gefangene dürfen keine Mobiltelefone haben. Trotzdem gibt es die Geräte im Knast, genau wie Drogen. Ist die Justiz machtlos? Von Jutta Schütz, dpa

Heimlich gedrehte Videos, eingeschmuggelte Drogen oder über Mauern geworfene Handys – nichts scheint unmöglich in deutschen Gefängnissen. Über Wochen führte ein Berliner Strafgefangener die Gefängnisleitung vor, indem er auf Youtube direkt aus der geschlossenen Anstalt über seinen Alltag als Häftling berichtete. In Sachsen kommunizierte ein Rechtsextremer aus der Untersuchungshaft monatelang per Internet mit Mitangeklagten.


Nur krasse Einzelfälle? „Handys sind bundesweit ein Problem. Wir tun alles, dass sie gar nicht erst reinkommen“, sagt der Vorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, René Müller. „Aber wir haben viel zu wenig Manpower und zu wenig Technik.“ Die Organisation vertritt die Interessen von etwa 38 000 Bediensteten im Justizvollzug. Nach Angaben von Müller fehlen derzeit 2000 Mitarbeiter in deutschen Gefängnissen. „Und die Pensionierungswelle rollt.“

Das Einschmuggeln von Handys habe zugenommen in den letzten Jahren. „Mancher Gefangene hat zwei, drei Geräte.“ Handys im Knast sind zwar verboten, damit keine Straftaten geplant, Zeugen beeinflusst oder Opfer bedroht werden können. Bilder oder Videos aus dem Gefängnis gelten zudem als Sicherheitsrisiko. Doch immer wieder kommen Gefangene an die begehrte Technik. Müller zufolge werden Handys auch schon mal per Drohne abgeworfen. Auch über Besucher, Lieferanten oder Pakete kommen Handys und Drogen in Haftanstalten. Bundesweite Zahlen liegen dabei nicht vor.



Trotz Kontrollen lasse sich das Einschmuggeln nicht verhindern, sagt auch Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). „Weltweit gibt es keine drogenfreien Gefängnisse“ – auch nicht in den USA oder in totalitären Ländern mit deutlich schärferen Regeln als Deutschland. Der Grünen-Politiker sagt auch: „Die Funde sind zugleich Ausdruck dessen, dass unsere Kontrollen erfolgreich sind.“ In den ersten neun Monaten 2018 wurden in Haftanstalten der Hauptstadt 757 Handys eingezogen – doch wie viele nicht entdeckt wurden, ist offen. Im gesamten Jahr 2017 wurden in Berliner Gefängnissen mehr als 1300 verbotene Handys aus dem Verkehr gezogen. Seit 2010 wurden laut Justiz mindestens sechs Bedienstete entlassen, weil sie Mobiltelefone oder Genussmittel in Anstalten schmuggelten.

In den ersten drei Quartalen 2018 wurden in Berliner Knästen zudem rund dreieinhalb Kilo Cannabis, Heroin und Kokain sichergestellt. Auch Spürhunde schnüffelten in Hafträumen nach Drogen. Die Tiere könnten aber nicht jede Substanz finden, vor allem bei synthetischen Drogen sei das schwierig. An der Tagesordnung seien auch Urin- und Speicheltests bei Gefangenen, um Drogen auf die Spur zu kommen. Wird der Konsum nachgewiesen, gibt es Sanktionen. Rund ein Viertel der Gefangenen ist drogen- oder medikamentenabhängig, heißt es.

Auch anderswo gibt es ähnliche Probleme. In einem Gefängnis in Thüringen sollen über Jahre in großem Stil Drogen verkauft worden sein. In der Anstalt Tonna sollen eingeschmuggelte Drogen im Wert von mehr als einer Million Euro umgesetzt worden sein, vermutet die Staatsanwaltschaft und ermittelt gegen zahlreiche Beschuldigte.

In sächsischen Gefängnissen wurden 2018 bis Mitte des Jahres 166 verbotene Mobilfunktelefone aufgespürt. Die Zahl sei gesunken, Kontrollen hätten abgeschreckt, ist das Justizministerium überzeugt. In diesem Jahr sollen in den Haftanstalten Dresden und Leipzig Anlagen für rund 2,7 Millionen Euro installiert werden, die den Handyempfang stören. Auch ein zweiter Handy-Spürhund soll angeschafft werden.

Auch im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen will die Justiz stärker gegen unerlaubte Handys in Gefängnissen vorgehen. 300 zusätzliche mobile Geräte sollen beschafft werden, mit denen die verbotenen Handys aufgespürt werden können.

Straftaten im Knast zu verhindern und sich um die Resozialisierung zu kümmern – das sieht der Bund der Strafvollzugsbeamten als wichtigste Aufgaben, wie ihr Chef Müller sagt. Aber: „Wenn ich als Bediensteter bis zu 70 Gefangene habe und dann noch die Sicherheit gewährleisten muss, ist mein Zeitvolumen gering“. Das Thema sei für die Politik nicht populär. „Mit Strafvollzug gewinnt man keine Wahlen – deshalb sind wir hinten dran.“