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Gibst du mir, geb' ich dir?

Konstanz. Ein Unbekannter hat in Konstanz 20- und 50-Euro-Scheine verteilt. Ein Wissenschaftler meint zu wissen, warum. Kathrin Drinkuth,Jasmin Kohl

(dpa/SZ) Das Geld klemmte hinter dem Scheibenwischer oder lag im Briefkasten: So mancher Anwohner einer Straße in Konstanz konnte sich an den Osterfeiertagen über einen 20- oder 50-Euro-Schein freuen. Wer das Geld verteilte? Bislang ist das unklar. Zeugen hatten die Polizei informiert - und die sammelte die Scheine erstmal ein. Dabei wurden die Kennzeichen der Fahrzeuge notiert, damit die Beschenkten das Geld wieder zurückbekommen können. Vorausgesetzt, sie stammen nicht aus einer Straftat. Darauf gebe es bislang keine Hinweise.

Aber warum verschenken Menschen Geld an Unbekannte? "Die Art und Weise in Konstanz ist natürlich kurios und skurril", sagt der Politikwissenschaftler und Historiker Rupert Graf Strachwitz. Er ist Vorstandschef der Maecenata Stiftung, die unter anderem zum Thema Zivilgesellschaft forscht. "Grundsätzlich muss man aber sagen: Ein Impuls zum Schenken steckt im Menschen drin. Oft sagt man: Der Mensch geht nur seinen Interessen nach, das stimmt aber nicht - das wissen wir historisch, biologisch und kulturanthropologisch." Bei Tieren gebe es das Phänomen ebenfalls: "Es gibt sehr deutliche Beobachtungen, dass das auch bei den Primaten so ist, und manche Biologen behaupten, auch bei Vögeln könne man das sehen."

Das Motiv für das Schenken müsse nicht unbedingt Altruismus sein, sagt Strachwitz. "Da verbinden sich vielleicht auch Gedanken damit, dass man selbst mal was geschenkt bekommen möchte." Allerdings gebe es dafür - anders als etwa beim Tauschen oder Kaufen - keine Gewissheit. Wenn man etwas schenke, wisse man nicht, ob, was und wann man etwas zurückbekomme. "Schenken hat daher eine eigene Qualität", sagt Strachwitz.

Das Schenken-Wollen stecke ganz tief kulturell in uns drin. Das müsse auch nicht immer Geld oder eine Gabe sein, es gehe auch um bürgerschaftliches Engagement. "Aber wenn man es mal insgesamt sieht, ist es nicht so sonderbar, dass jemand anonym dieser Veranlagung nachgeht."

Der Geld-Schenker in Konstanz ist auch nicht der Erste, der sich anonym großzügig zeigt: Einen ähnlichen Fall gab es kürzlich in Kaiserslautern. Ein Mann verschenkte dort Mitte März in der Innenstadt Geldscheine, indem er Passanten 50 Euro gab oder das Geld in Hecken und Gebüschen versteckte. Auch im ostwestfälischen Bünde verteilte ein Unbekannter Anfang 2016 Geld: In einem Supermarkt fanden Kunden und Angestellte Umschläge, die eine Grußkarte mit einem Bibelvers und einen 50-Euro-Schein enthielten. Ein Gastronom, dem zuvor die Scheibe eingeschlagen worden war, fand gleich vier Umschläge mit jeweils 50 Euro und einer persönlichen Botschaft. Der am weitesten zurückliegende, aber wohl bekannteste Fall, ereignete sich 2011 im niedersächsischen Braunschweig. Ein anonymer Spender schenkte über Jahre hinweg sozialen und karitativen Einrichtungen sowie bedürftigen Einzelpersonen Bargeld. Auf die Empfänger war der anonyme Spender durch Berichte der Braunschweiger Zeitung aufmerksam geworden.

Bei einer anonymen Gabe fielen Dank, Lob und Anerkennung für den Spender weg, sagt Strachwitz. "Wobei man sich nicht täuschen darf: Die Anerkennung spielt immer wieder eine Rolle, gerade wer sich über Jahrzehnte engagiert, hört schon gerne mal ein anerkennendes Wort. Aber so bestimmend, wie manchmal getan wird, ist das nicht." Es gebe zunehmend - gerade bei jüngeren Menschen - auch Motive von innen heraus. "Selbsterfüllung, ein vollständiges Leben, innere Freude", so Strachwitz. "Das spielt schon auch eine sehr große Rolle, da braucht von außen keiner mitwirken."