| 20:49 Uhr

Gefährliches Rodeo
Gefährliche Bullen in der Gefängnis-Arena

Tunica Hills. Angola war einmal der gefährlichste Knast der Vereinigten Staaten. Ein Rodeo sollte helfen, den schlechten Ruf loszuwerden – obwohl die Insassen dabei ihr Leben aufs Spiel setzen. Von Frank Herrmann

Eine Chance haben sie nicht, die vier Männer, die am Pokertisch sitzen. Nicht den Hauch einer Chance. Über ihrer gestreiften Sträflingskleidung tragen sie kugelsichere Westen. Ihre Köpfe sind durch Helme geschützt, mit Gittern vor den Gesichtern. Ihr Anblick lässt an Eishockey-Torhüter denken.


Das mit dem Pokern ist nicht wörtlich zu nehmen. Der hochbeinige Tisch steht mitten in einer Arena, auf deren Rängen zehntausend Schaulustige dem Höhepunkt des Rodeos entgegenfiebern. Gleich kommt der Stier.

Es dauert zwei, höchstens drei Sekunden, da liegen die Spieler im Sand. Kaum hat sich das Tor einer Stahlbox geöffnet, ist der 700 Kilogramm schwere Koloss auf den Tisch zugerast, hat ihn mit den Hörnern aufgespießt und weggeschleudert. Von den Plastikstühlen, auf denen das Quartett saß, sind nur Fragmente geblieben. Unterdessen versucht ein Schiedsrichter zu ermitteln, wer von den vier Männern am längsten auf seinem Stuhl saß und damit die hundert Dollar Siegprämie bekommt. Hoch zu Ross, ein Mikrofon in der Hand, reitet er durchs Stadion, halb Referee, halb Entertainer. Die vier „Spieler“ sind Gefangene. Häftlinge eines Knasts, der einmal als einer der schlimmsten in ganz Amerika galt.



Angola. Louisiana State Penitentiary, wie es korrekt heißen müsste. Der Name Angola geht zurück auf eine Plantage, auf der aus dem Südwesten Afrikas verschleppte Sklaven Baumwolle pflückten. Anfang des 20. Jahrhunderts erwarb der Staat Louisiana das Areal, um es zur Haftanstalt umzufunktionieren. An einer Biegung des Mississippi gelegen, ist es auf drei Seiten von Wasser umgeben, auf der vierten von der grünen Hölle der Tunica Hills. Bis zur nächsten Ortschaft sind es 40 Kilometer. Wer flieht, riskiert tödliche Schlangenbisse. Rund 5000 Männer sitzen hier hinter Gittern. Zu 85 Prozent sind es „Lifer“, entweder zu lebenslänglich ohne Bewährung verurteilt oder zu einer so langen Freiheitsstrafe, dass es praktisch auf dasselbe hinausläuft – Louisiana hat die härtesten Strafgesetze des Landes.

Das Alcatraz des Südens, so hat der Volksmund Angola genannt. Das Rodeo, zweimal im Jahr veranstaltet, im Frühjahr und im Herbst, sollte das Image aufbessern, als es 1964 Premiere feierte. Anfangs saßen die Zuschauer auf Gemüsekisten, später wurde ein überdachtes Stadion gebaut. „Die wildeste Show des Südens“, wirbt ein Programmheft. Draußen dreht sich ein Kinderkarussell, Kirmesstimmung vor Stacheldraht. Es gibt Hamburger und süße Limonade, man kann sich in eine Zelle sperren und von einem Gefangenen fotografieren lassen. Am Eingang Metalldetektoren wie am Flughafen. Weder Kameras noch Handys dürfen mit hinein. In der Arena reiten Hasardeure in Blue Jeans und Sträflingsjacken auf Bullen, deren Weichteile mit einem Seil abgeschnürt sind, um sie aggressiver zu machen. Wer mindestens acht Sekunden durchhält, ohne abgeworfen zu werden, kassiert Punkte. Bei „Guts and Glory“ („Mut und Ehre“) gewinnt, wer eine am Schädel eines Stiers befestigte Münze in seinen Besitz bringt. Warum überhaupt jemand bereit ist, des Spektakels wegen seine Gesundheit zu riskieren? Daniel Bergner, Autor eines Buches über Angola, hat die Frage so beantwortet: „Die Männer werfen ihre Körper in die Waagschale, und indem das Publikum ihnen dabei zuschaut, erkennt es an, dass sie existieren.“ Am Rodeo Day spürten die Gefangenen, dass sie noch dazugehörten zu dieser Welt. Dass es sich um Gefangene handelt, von denen die meisten lebenslang einsitzen, trage zusätzlich zum Nervenkitzel bei, schreibt Bergner. Und falls auf den Zuschauerrängen Schuldgefühle aufkommen sollten, würden die schnell wieder verdrängt, „schließlich handelt es sich um Mörder“. Mehr als drei Viertel der Insassen haben dunkle Haut, auf den Rängen sitzen zu mindestens drei Vierteln Weiße. Auch das lässt an die Gladiatoren einer römischen Arena denken.

Eldridge Stewart verkauft Schmuck. Ungefähr zwanzig Schritte in beide Richtungen, so weit darf er sich auf dem Basar vorm Rodeo-Stadion bewegen. Im Alter von 26 Jahren beging er einen Mord, in New Orleans, wo er in einem von Drogenbanden beherrschten Viertel aufwuchs. Heute ist er 46, Vater dreier erwachsener Töchter, die ihn regelmäßig besuchen, im Idealfall zweimal pro Monat. Mit der Mutter stehe er in Kontakt. Stewart hat Hoffnung – und die ruht auf dem Gouverneur Louisianas, einem Demokraten namens John Bel Edwards. Ein Gnadenerlass: für „Lifer“ wie Stewart ist es der einzige Weg in die Freiheit. „Es sieht nicht schlecht aus“, spricht sich der 46-Jährige Mut zu. Das mit dem Schmuck soll dazu beitragen, den Bewährungsausschuss freundlich zu stimmen, auf dass er dem Gouverneur seine Begnadigung empfehle.

Anfang der Siebziger banden sich Insassen dicke Versandhauskataloge vor die Brust und auf den Rücken, während sie schliefen, um sich gegen Messerstiche zu wappnen. In Angola war der Tiefpunkt erreicht: Allein zwischen 1972 und 1975 wurden 40 Häftlinge mit Messern getötet. Aber auch heute leben die Insassen gefährlich. „So ein Rodeo ist das reinste Glücksspiel.“, sagt John Corley, stellvertretender Chefredakteur des Gefängnisblatts „The Angolite“.

In einer seiner jüngsten Ausgaben hat sich der „Angolite“ der Frage gewidmet, ob es nicht menschlicher wäre, todkranke Häftlinge zu entlassen, damit sie die letzten Tage bei ihren Familien verbringen können. „Du kommst rein, aber nicht mehr raus“, heißt es über Angola. „Es gibt einen Weg. Lasst uns hoffen“, schreibt Corley in seiner Zeitung.