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ESC-Finale
Ein Triumph gegen den Mainstream

Netta aus Israel singt nach dem Finale des 63. Eurovision Song Contest mit der Trophäe in der Hand. Sie gewann mit ihrem Lied „Toy“.
Netta aus Israel singt nach dem Finale des 63. Eurovision Song Contest mit der Trophäe in der Hand. Sie gewann mit ihrem Lied „Toy“. FOTO: dpa / Jörg Carstensen
Lissabon/Tel Aviv. Überraschung beim Eurovision Song Contest: Israel gewinnt mit einem ungewöhnlichen Song. Auch Deutschland schneidet nach langer Durststrecke wieder gut ab.

Sie ist füllig, sie ist laut, sie trägt schrille Outfits: Die Israelin Netta Barzilai hat ihren ganz eigenen Stil. In der Nacht zum Sonntag hat sie den Eurovision Song Contest (ESC) 2018 gewonnen. Es ist der vierte Triumph Israels in der Geschichte des ESC – zuletzt gewann vor 20 Jahren die Sängerin Dana International.


Die 25-Jährige Barzilai feiert ihren kräftigen Körper, obwohl er nicht dem vorherrschenden Idealbild entspricht. Ihr Lied „Toy“, das Korea-Pop, Hip-Hop und orientalische Elemente mit Stimmeffekten und Gacker-Klängen verbindet, hat eine Botschaft vor allem an Frauen: Nehmt euch an, so wie ihr seid und seid stolz auf euch selbst. Ihr seid nicht das Spielzeug (toy) von Männern.

Wie sie nach ihrem Sieg andeutete, war Barzilai nicht immer so selbstbewusst. Als Jugendliche habe sie durchaus mit ihrem Gewicht gehadert, erzählte sie dem israelischen Fernsehen. „Als Mädchen habe ich mir immer vorgestellt, dass ich ein dünner, schöner Star werde, dass es nur so klappen kann. Heute verstehe ich, dass ich es geschafft habe, ohne mich zu verändern.“



Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gratulierte zu ihrem Sieg. „Netta, du bist ein echter Schatz“, schrieb er auf Twitter. „Du hast dem Staat Israel viel Ehre eingebracht! Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Das ist auch ein Politikum: Israel beansprucht ganz Jerusalem als seine Hauptstadt – was international umstritten ist.

Deutschland ist mit Michael Schulte beim Eurovision Song Contest überraschend auf dem vierten Platz gelandet und hat seine Serie von Misserfolgen bei dem Musikwettbewerb beenden können. Für Deutschland ist es die beste Platzierung seit Lenas Sieg vor acht Jahren. In den vergangenen drei Jahren landete die Bundesrepublik, die bisher zweimal gewann (2010 mit Lena und 1982 mit Nicole) stets ganz weit hinten. Den ESC gibt es seit 1956.

Auf Platz zwei hinter Israel kam in diesem Jahr Zypern (Eleni Foureira mit „Fuego“), gefolgt von Österreich (Cesár Sampson mit „Nobody but You“). Hinter Deutschland landete Italien (Ermal Meta & Fabrizio Moro mit „Non mi avete fatto niente“) auf dem fünften Platz.

„Platz vier, oh mein Gott“, sagte der norddeutsche Sänger Schulte strahlend im Anschluss zu Moderatorin Barbara Schöneberger im ARD-Fernsehen. „Das ist so verrückt.“ Ungefähr 3000 Fans jubelten bei der deutschen ESC-Party auf der Hamburger Reeperbahn dem per Video live zugeschalteten Schulte begeistert zu. Der 28-Jährige bekam für seinen Song „You let me walk alone“, in dem es um den Tod seines Vaters geht, von Jurys und Publikum aller Teilnehmerländer insgesamt 340 Punkte. Zufrieden mit dem Finale ist auch ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber: „Das war ein schöner Abend für den Künstler, das Team und, wie ich hoffe, auch für die Fernsehzuschauer“, sagte Schreiber gestern Morgen.

„Wir wussten, was wir auf die Bühne bringen wollen und haben an die Kraft des Künstlers und die Inszenierung geglaubt.“ Auch mit den Marktanteilen sei er zufrieden. Die drei Stunden und 50 Minuten lange Live-Übertragung verfolgten im Ersten 7,71 Millionen Zuschauer, eine weitere halbe Million schaltete auf dem ARD-Digitalsender One ein. Der Marktanteil lag bei zusammen 34,4 Prozent – gut jeder dritte Fernsehzuschauer um diese Zeit. „Wir müssen schauen, dass wir das Ergebnis in den nächsten Jahren stabilisieren“, sagte Schreiber.

Im ESC-Finale konkurrierten 26 Länder mit ihren Kompositionen. Beim Auftritt der britischen Kandidatin SuRie stürmte ein Störer die Bühne und entriss der Sängerin das Mikrofon, er wurde von Sicherheitsleuten weggebracht. Die souverän weitersingende SuRie lehnte eine Wiederholung ihres Auftritts ab.

Insgesamt nahmen am ESC in diesem Jahr 43 Länder teil. 17 wurden in den beiden Semifinals am Dienstag und Donnerstag aussortiert. Die Zuschauer konnten wie immer über den Sieger mit abstimmen, jedoch nicht für die eigene Nation. Ihr Voting wurde ergänzt von nationalen Jurys. Die Punkte aus Deutschland gab Barbara Schöneberger bekannt – die Höchstwertung zwölf Punkte gab es für Schweden. In der Jury waren diesmal die zweimalige Grand-Prix-Teilnehmerin Mary Roos, die Sänger Max Giesinger und Mike Singer, die Songschreiberin Lotte sowie der Revolverheld-Manager Sascha Stadler.

Im vergangenen Jahr hatte der Portugiese Salvador Sobral mit der Ballade „Amar pelos dois“ gewonnen und so den Grand Prix in sein Heimatland geholt. Sobral, der im Dezember ein neues Herz transplantiert bekommen hat, trat bei der Show erstmals seit seiner schweren OP wieder im Fernsehen auf - als Pausen-Act.

Michael Schulte startete für Deutschland beim ESC. Er landete auf dem vierten Platz.
Michael Schulte startete für Deutschland beim ESC. Er landete auf dem vierten Platz. FOTO: dpa / Jörg Carstensen
(dpa)