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ESC-Finale
Echte Emotionen für Europas Musik-Fans

Wettanbieter trauen dem für Deutschland startenden Sänger Michael Schulte eine gute Platzierung beim Eurovision Song Contest zu.
Wettanbieter trauen dem für Deutschland startenden Sänger Michael Schulte eine gute Platzierung beim Eurovision Song Contest zu. FOTO: dpa / Jörg Carstensen
Lissabon. Mit einer gefühlvollen Ballade will Michael Schulte Deutschland beim Eurovision Song Contest mal wieder auf die vorderen Plätze bringen.

Ganz in Schwarz gekleidet tritt Michael Schulte aus dem Dunkel vor eine Leinwand, auf die einzelne Worte und Textzeilen seiner Ballade „You Let Me Walk Alone“ projiziert werden. Er singt von seinem Vater, der vor 13 Jahren gestorben ist, von dessen Vermächtnis, davon, wie sehr er diesen wichtigen Menschen in seinem Leben vermisst. Wenn dann beim gefühlvollen Refrain Fotografien von Vätern und Söhnen hinter ihm auftauchen, brechen so manche Fans in Tränen aus. „Gänsehaut pur“, beschreibt es der Präsident des Eurovision Club Germany, Michael Sonneck. „Das Lied berührt mich von der ersten bis zur letzten Minute und ist toll inszeniert.“


Aber kann der Singer-Songwriter mit den roten Locken und der sanften Stimme seinen Traum erfüllen und Deutschland beim heutigen Finale des Eurovision Song Contests damit zurück in die Top Ten bringen? Wenn man den Buchmachern glauben darf, könnte ihm das gelingen – zwischenzeitlich kletterte Schulte gestern bis auf Platz vier bei den Wettquoten.

Rund um die imposante Altice Arena, der größten Veranstaltungshalle Portugals, laufen die letzten Vorbereitungen auf Hochtouren. Drinnen wird geprobt, damit die Show bis ins letzte Detail sitzt, draußen bringen sich Scharfschützen für den Fall der Fälle in Stellung – die Sicherheitsvorkehrungen beim diesjährigen ESC sind groß.



Davon aber lassen sich die Fans, die aus aller Welt nach Lissabon geströmt sind, nicht unterkriegen. Bei beiden Halbfinals verwandelten sie die Arena in eine große Partyzone und feierten fröhlich rund um die in spektakuläres Licht und Feuerfontänen getauchte Bühne, die wieder einmal vom Deutschen Florian Wieder entworfen wurde. Was die ESC-Gemeinde besonders begeistert, ist die musikalische Vielfalt in diesem Jahr. Von Opernarien über Elektro-Sound bis hin zu Swing, Rock und Balladen ist alles vertreten.

Wer aber ist nun der Favorit unter den 26 Finalisten? Wochenlang wurde die schrille Netta aus Israel mit ihrem Song „Toy“ als Top-Anwärterin auf den Sieg gehandelt – wohl auch, weil die Botschaft perfekt in die derzeitige MeToo-Debatte passt. Zuletzt wurde sie bei den Buchmachern aber von Zypern überholt, das mit Eleni Foureira im Glitzer-Catsuit und ihrem Gute-Laune-Popsong „Fuego“ an den Start geht. Auch Frankreich mit dem Duo Madame Monsieur und dem Lied „Mercy“ über ein auf dem Mittelmeer geborenes Flüchtlingsbaby sowie der schwedischen Nummer „Dance You Off“ von Benjamin Ingrosso werden gute Chancen eingeräumt.

Bei vielen deutschen Fans in Lissabon steht Italien ganz hoch im Kurs, das die diesjährigen Gewinner des Musikfestivals von San Remo ins Rennen schickt, Ermal Meta und Fabrizio Moro. Ihre Anti-Terror-Hymne „Non mi avete fatto niente“ (etwa: Ihr habt mir nichts antun können) ist ein Plädoyer gegen die jüngste Welle von Anschlägen in Europa, gesungen im Staccato-Stil, eingängig, auch ohne große Bühnenshow.

Lissabon ist bereit, jetzt gilt es – auch für Michael Schulte. Germany, 12 points? Durchaus möglich, glaubt die saarländische ESC-Gewinnerin Nicole („Ein bißchen Frieden“). „Er ist authentisch.“ In seinem Lied stecke eine wahre, emotionale Geschichte. „Das kann man nicht erfinden. Das könnte jetzt auch kein anderer singen“, sagte Nicole. Und das sei auch der Schlüssel, um zu überzeugen: „Es muss dein Lied sein, es muss aus dir kommen, du musst es persönlich fühlen.“ Sie selbst habe seit ihrem Sieg 1982 noch nie einen Eurovision Song Contest verpasst.

Die Saarländerin Nicole gewann 1982 den Eurovision Song Contest.
Die Saarländerin Nicole gewann 1982 den Eurovision Song Contest. FOTO: dpa / Oliver Dietze