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| 20:30 Uhr

Loveparade-Prozess
Die Opfer wollen endlich Gerechtigkeit

In diesem Tunnel ereignete sich am 24. Juli 2010 auf der Loveparade eine Massenpanik. 21 Menschen starben. Gestern begann der Prozess gegen vier Mitarbeiter der Veranstalterfirma und sechs Bedienstete der Stadt Duisburg.
In diesem Tunnel ereignete sich am 24. Juli 2010 auf der Loveparade eine Massenpanik. 21 Menschen starben. Gestern begann der Prozess gegen vier Mitarbeiter der Veranstalterfirma und sechs Bedienstete der Stadt Duisburg. FOTO: Erik Wiffers / dpa
Düsseldorf. Seit sieben Jahren warten Opfer der Love Parade und Angehörige auf diesen Prozess. Es ist ein Mammutverfahren mit allein 70 Anwälten. Doch es startet zäh und mit Verzögerungen.

Unter acht Menschen sei sie begraben gewesen. Wäre sie nur zwei Minuten später befreit worden – man hätte nichts mehr für sie tun können, sagten ihr die Ärzte später. Rebecca Doll wurde bei der Loveparade 2010 in Duis­burg schwer verletzt. Am Freitag ist die 34-Jährige extra aus Hamburg gekommen, um beim Auftakt des Loveparade-Strafprozesses dabei zu sein. „Wir wollen Gerechtigkeit für die 21 Toten“, sagt sie. Und den Angeklagten in die Augen sehen.

Das ist wegen der vielen Beteiligten gar nicht so einfach in dem 500 Personen fassenden Saal auf dem Messegelände, der an den Verhandlungstagen nun eine Außenstelle des Landgerichts Duisburg ist. Kein Saal im Duisburger Landgericht war groß genug für die 32 Verteidiger der zehn Angeklagten und weitere 38 Anwälte der 65 Nebenkläger, von denen nicht alle gekommen sind.

Das Gericht hat mit vielen Zuschauern gerechnet und 234 Plätze für sie reserviert. Rund 50 sind gekommen. Unter ihnen sind auch Angehörige von Opfern aus Spanien, Italien und den Niederlanden.

Ausführlich erzählt Doll von ihren Erlebnissen am Unglückstag, an dem 21 junge Menschen erdrückt und viele hundert in einem unfassbaren Gedränge am Fuß der Rampe, dem einzigen Zu- und Abgang zum Loveparade-Gelände, verletzt wurden. Der Zugang soll an der engsten Stelle laut Anklage nur 10,59 Meter breit gewesen sein.

Sie berichtet, wie sie und ihr Mann, erfahrene Loveparade-Besucher, am Morgen aus Hamburg in Duisburg angekommen waren, sich auf die Loveparade gefreut haben, erst zum Hotel fuhren, bevor sie zum Partygelände gingen. Wie eng es an einem Kontrollpunkt vor dem Tunnel gewesen sei und dass sie am liebsten wieder umgekehrt wären. Wie sie an der Rampe ankamen und ihr Mann sie im Geschiebe noch beschützt habe, bis sie schließlich ohnmächtig wurde. „Er hat mir damals das Leben gerettet.“ Als sie wieder aufwacht, liegt sie auf der Intensivstation mit Lungen- und Beckenquetschungen. Ein halbes Jahr lang habe sie neu atmen lernen müssen.

Ein Nebenkläger ist Manfred Reißaus, Malermeister aus Bad Salzuflen. Der 55-Jährige hat seine Tochter Svenja bei der Katastrophe verloren. 22 Jahre alt wurde sie. „Ich habe mich gefreut, dass endlich der Prozess losgeht. Jetzt bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob ich das heute überhaupt schaffe“, sagt Reißaus vor Prozessbeginn. Reißaus hält durch – auch bei der Anklageverlesung, in der noch mal detailliert das Unglück geschildert und die Namen der Toten verlesen werden.

Der Prozessbeginn um 10.15 Uhr ist unspektakulär, die ersten Stunden sind zäh. Der Vorsitzende Richter muss die Anwesenheit der Dutzenden Beteiligten feststellen. Dann kommen schon die Verteidiger mit den ersten Anträgen. Auf Befangenheit von zwei Ergänzungsschöffen etwa. Oder zur Besetzung der Kammer. „Hier sitzen nicht die richtigen Richter“, sagt ein Verteidiger. Leises Stöhnen im Saal.

Am späten Nachmittag verliest Oberstaatsanwalt Uwe Mühlhoff (46) dann die Anklage. Vier leitenden Mitarbeitern des Veranstalters Lopavent und sechs Mitarbeitern der Stadt Duisburg wirft sie fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor. Es habe schwere Planungsfehler gegeben, die zu einer rechtswidrigen Genehmigung der Loveparade geführt hätten. Sicherheitsrelevante Auflagen seien nicht beachtet und umgesetzt, die Einhaltung nicht kontrolliert worden. Die Lopavent-Angestellten sollen ein ungeeignetes Zu- und Abgangssystem geplant haben.

Vor allem die Rampe, die auf das Partygelände führte, soll zu eng gewesen sein, um die vorhergesagten Besucherströme aufnehmen zu können. Deswegen sei es am Unglückstag „zu einer Menschenverdichtung auf der Rampe von mehreren 10 000 Menschen gekommen“. Pro Qua­dratmeter seien dort mindestens sieben Menschen zusammengepresst worden. Der Staatsanwalt nennt als Verletzungen etwa Quetschungen, Brüche, eine Nierenblutung und einen epileptischen Anfall.

Am Nachmittag bezeichnet Doll den bisherigen Verlauf der Verhandlung als „enttäuschend“. Hinter den Anträgen der Verteidigung sieht sie eine „Verzögerungstaktik“. „Uns rennt die Zeit davon“, sagt sie und meint die Ende Juli 2020 eintretende Verjährung. Bis Ende 2018 hat das Gericht bereits 110 weitere Verhandlungstage angesetzt. Am kommenden Mittwoch geht es weiter.