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Italien
Der schiefe Turm von Pisa richtet sich auf

Bonn/Pisa. Zwölf Jahre nach Baubeginn geriet der Glockenturm zu Pisa auf die schiefe Bahn. Inzwischen ist er um 45 Zentimeter gerader geworden. Von Alexander Brüggemann und Julius Müller-Meiningen

„Let‘s get some postcards and some ice cream!“ – Postkarten und Eis: US-Amerikaner und Japaner lieben das Touristenspektakel in Pisa. Zwischen Selfie-Stangen erobert man sich sein Plätzchen für das rituelle Foto: Ich stütze den schiefen Turm! Doch daran liegt es sicher nicht, dass der weltberühmte Glockenturm erneut gerader geworden ist, wie die Zeitung „Corriere della Sera“ berichtet.


Der Campanile des Pisaner Doms steht frei auf einem lehmig-sandigen Untergrund, der unter dem Gewicht einsackt. Ausgrabungen ergaben, dass der Baugrund der Piazza dei Miracoli („Platz der Wunder“) am Rand einer früheren Insel liegt, gleich neben einem versandeten antiken Hafenbecken. Schon 1185, zwölf Jahre nach der Grundsteinlegung, begann sich der Torso zu neigen.

Nach einem Jahrhundert ratlosen Baustopps wurden die nächsten vier Stockwerke leicht gegen den Neigungswinkel gebaut, um die Schieflage auszugleichen. Rettungsversuche mit geneigten Böden oder dünneren Mauern auf der Überhangseite scheiterten – und so beließ man es am Ende 1372 bei 55 Metern Höhe statt der geplanten 100 Meter. Mehr als 14 000 Tonnen weißen Carrara-Marmors wurden verbaut. Der Legende nach hat der Pisaner Wissenschaftler Galileo Galilei (1564-1641/42) hier durch Versuche seine Gesetze zum Freien Fall entwickelt.



Exakte Messungen seit Anfang des 20. Jahrhunderts ergaben, dass die Neigung des Turms immer mehr zunahm, so dass 1990 – drei Jahre nach Zuerkennung des Welterbestatus der Unesco – die vorübergehende Schließung angeordnet wurde.

Weil der Carrara-Marmor durch Neigung und Rotation brüchig geworden war, waren der Struktur Stahlreifen verpasst worden. Mit Gegengewichten aus Blei sowie vorsichtigen Bohrungen im nachgiebigen Lehm- und Sandboden unter dem Turm hatten die Statiker Erfolg. Bis 2001 richtete sich der schiefe Turm von Pisa um ganze 41 Zentimeter wieder auf. Nun bestätigten die Fachleute die Entwicklung in den letzten beiden Jahrzehnten. Der Turm richtet sich weiter auf.

„Seit Beginn der Kur hat der Turm seine Neigung um zweitausend Bogensekunden verringert, mehr oder weniger ein halbes Grad, das entspricht 45 Zentimetern“, sagte vor einigen Tagen der Geotechniker Nunziante Squeglia von der Universität Pisa. Der Archäologe und Kunsthistoriker Salvatore Settis, der einem dreiköpfigen Sicherheitskomitee zur Beobachtung des Turmes angehört, behauptete, es sei so, als habe sich der Turm „um fast zwei Jahrhunderte verjüngt“.Seit Ende 2001 dürfen wieder kleine Touristengruppen hinauf.

Der Pisaner ist freilich keineswegs der schiefste Turm der Welt. Auch für diese Kategorie gibt es natürlich Statistiken. Als höchster schiefer Turm gilt demnach mit 175 Metern der im Olympiastadion von Montreal, Kanada. Dort war freilich Absicht am Start. Der unabsichtlich schiefste Turm der Welt ist laut Guinness-Buch der Rekorde der Kirchturm von Suurhusen in Ostfriesland – einer Region mit besonders hoher Dichte an schiefen Bauwerken.

Bleibt die Frage, wie wesentlich die Schieflage für die Identität des weltbekannten Monuments ist. Angesichts der Dynamik des Turms in den letzten Jahrzehnten könnte man auf die Idee kommen, der schiefe Turm würde sich nach und nach ganz aufrichten. Doch zu gerade darf der schiefe Turm von Pisa auf keinen Fall stehen, er würde als hübsches, aber im internationalen Vergleich doch zu vernachlässigendes Bauwerk in Vergessenheit geraten. Die Experten geben in dieser Hinsicht allerdings Entwarnung. Der schiefe Turm bleibt schief. Eine drastische Aufrichtung sei nicht zu erwarten.