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| 20:31 Uhr

Lebensrettung
Das leise Sterben der Organspende

Viele todkranke Menschen warten sehnsüchtig auf ein Organ: Hier wird einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist.
Viele todkranke Menschen warten sehnsüchtig auf ein Organ: Hier wird einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist. FOTO: Jan-Peter Kasper / dpa
Berlin. Viele kranke Menschen hoffen vergeblich auf lebensrettende Organe: 2017 ist die Zahl der Spender mit 797 auf einen Tiefpunkt gesunken. Sind auch die Krankenhäuser schuld?

Das Sauerstoffgerät in der Berliner Charité zischt leise. Ein blauer Schlauch endet in der Nase von Wolfgang Wachs. Sein Lebensradius ist auf zehn Quadratmeter zusammengeschrumpft, auf die Größe seines Krankenzimmers auf der Lungenstation. Der kleine gelbe Rettungshubschrauber, ein Spielzeugmodell neben dem Bett, lässt ahnen, was das für ihn bedeutet. Wachs (60) ist Notarzt mit Leidenschaft. Die vergangenen 20 Jahre ist er als Lebensretter zur Stelle gewesen, auf der Straße, zu Wasser und schließlich auch mit dem Helikopter aus der Luft. Nun ist er ein todkranker Patient, den nur noch eine Organspende retten kann – eine neue Lunge.

2011 bekam Wachs die Diagnose Lungenfibrose, eine seltene Krankheit, bei der die Lunge versteift und den Körper mit immer weniger Sauerstoff versorgt. Weihnachten 2016 gab er seinen Job auf, ihm fehlte die körperliche Kraft. Weihnachten 2017 verbrachte er schon in der Charité, weil es zu Hause in Brandenburg nicht mehr ging. Und immer noch wartet er. Auf einen Anruf, auf die erlösende Nachricht, dass es eine Spenderlunge für ihn gibt.

10 000 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für Spenderorgane. Rund jeden dritten Tag ist im vergangenen Jahr ein Patient gestorben, weil es nicht rechtzeitig eine passende Niere, Leber, Lunge oder ein Herz gab. 2017 ist die Zahl der Organspender in Deutschland auf ein historisches Tief gesunken – auf 797. Wolfgang Wachs weiß, dass damit seine Chancen auf den Anruf weiter sinken. „Es ist kein schöner Gedanke, dass jemand sterben muss, damit ich weiterleben kann“, sagt er. Doch er will leben.

Bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation in Frankfurt nennt der Medizinische Chef Axel Rahmel die Lage dramatisch. Auch er ist Arzt, Herzspezialist. Er glaubt nicht daran, dass die Bundesbürger nach ihrem Tod einfach keine Organe mehr spenden wollen. Trotz des Skandals 2012, als ans Licht kam, dass Transplantationsmediziner an einigen Kliniken ihre Patienten auf dem Papier kränker gemacht hatten, als sie waren. Damit rückten sie auf den Wartelisten weiter nach oben. Dieser Praxis sind lange Riegel vorgeschoben. Und so heftig wie damals sind die Spenderzahlen auch nicht mehr auf einmal gesunken. Aber es ging eben stetig weiter bergab.

Rahmel geht davon aus, dass in Familien heute mehr über Organspende gesprochen wird als früher. Auch die Zahl der Spenderausweise nehme zu. Woran liegt es dann? Daran, dass die Bundesbürger einer Organspende aktiv zustimmen, während ihr zum Beispiel die Spanier aktiv widersprechen müssen – und mit dieser Regelung in Europa Spende-Meister sind? Rahmel schüttelt den Kopf. „Entscheidend ist nicht die gesetzliche Regelung, sondern die Haltung“, sagt er. „Wir brauchen eine gelebte Kultur der Organspende.“

Diese Kultur scheint in manchen der rund 1200 Kliniken, die in Deutschland zum System Organspende gehören, zu fehlen. Rund 700 haben sich 2017 nicht ein einziges Mal bei der DSO gemeldet. Schon rein rechnerisch kann es nicht hinkommen, dass dort kein Patient als potenzieller Spender in Frage kam. Denn die Zahl schwerer Hirnschädigungen sei trotz der immer moderneren Rettungsmedizin nicht rapide gesunken, sagt Rahmel.

Für die vor der Organentnahme nötige Hirntod-Diagnostik gibt es strenge Auflagen. Ganz bewusst soll mit der Organspende auch kein Geld verdient werden können. Ein hirntoter Patient aber belegt – rein ökonomisch betrachtet – ein gewinnbringendes Bett auf der Intensivstation. Das kann ein Spagat für ein Klinik-Management sein, das auf die Zahlen schauen muss. Es gibt bei Organspenden Aufwandsentschädigungen für Kliniken. In Einzelfällen ist das laut DSO aber zu wenig, um die Kosten zu decken. Das sei auch nicht gerade eine Motivation für Krankenhäuser, sich stark zu engagieren.

Wolfgang Wachs braucht jetzt im Krankenzimmer eine Extra-Portion Sauerstoff – zum Sprechen. Bevor er als Notarzt durchstartete, arbeitete er lange auf einer Berliner Intensivstation. „Ich habe Organspende damals auch nicht im Blick gehabt“, sagt er selbstkritisch. Die fehlende Kultur der Organspende kann für die DSO auch daran liegen, dass einige Transplantationsbeauftragte keine Zeit für ihren Job haben. Oder dass es so sehr an Anerkennung für ihre Arbeit fehlt, dass sie sich nicht voll reinhängen. Dabei geht es nur um einen Moment – um den Augenblick, bevor Ärzte im Einverständnis mit Angehörigen beim Hirntod eines Patienten die Maschinen abstellen. Wenn da einige Menschen mehr an Organspende dächten – für Experte Axel Rahmel wäre schon viel gewonnen.

In Nordrhein-Westfalen, das zeigt laut DSO eine Studie, haben Ärzte in weniger als 15 Prozent solcher Fälle in diesem Moment den Transplantationsbeauftragten überhaupt Bescheid gesagt. Und es gibt noch eine Tücke. Wer in einer Patientenverfügung auf intensivmedizinische Therapien verzichtet, kann kein Organspender sein. Denn Hirntod heißt, nicht mehr allein atmen zu können. Wem Organspende wichtig ist, der muss Verfügungen so formulieren, dass er einer zeitlich begrenzten Intensivtherapie zustimmt. Doch wer weiß das schon?