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Erinnerung an das Zugunglück
Das Leid von Eschede bleibt präsent

Ein Tag, der unvergessen bleibt: Am 3. Juni 1998 verunglückte der ICE 884 auf seinem Weg von München nach Hamburg bei Eschede. Im Wrack des Zuges (unser Foto) versuchten Hunderte von Helfern, Menschen zu bergen. Für mehr als 100 Fahrgäste gab es keine Rettung.
Ein Tag, der unvergessen bleibt: Am 3. Juni 1998 verunglückte der ICE 884 auf seinem Weg von München nach Hamburg bei Eschede. Im Wrack des Zuges (unser Foto) versuchten Hunderte von Helfern, Menschen zu bergen. Für mehr als 100 Fahrgäste gab es keine Rettung. FOTO: dpa / Ingo Wagner
Eschede. Beim schwersten Bahnunglück in der Geschichte der Bundesrepublik kamen vor 20 Jahren 101 Menschen ums Leben.

Am 3. Juni 1998 rast der ICE 884 auf seinem Weg von München nach Hamburg durch Niedersachsen. Kurz vor elf Uhr kommt es an diesem warmen Sommertag in der Südheide zur Katastrophe. Bei Tempo 200 bricht kurz vor Eschede ein Radreifen und bleibt stecken. Weichen werden verstellt, das Gleisbett aufgepflügt, eine Brücke stürzt ein, entgleiste Waggons rasen in die Trümmer. 101 Menschen sterben beim schwersten Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik, rund 100 werden verletzt. Gisela Angermann hat ihren Sohn Klaus durch die Katastrophe verloren, der 29-Jährige wollte nach Hamburg. „Ich habe den Fernseher angemacht und gehört, dass eine Brücke auf einen Zug gefallen ist“, schildert die 80-Jährige den verhängnisvollen Tag vor 20 Jahren. „Dann kam meine Tochter und sagte: ,Mutter setz dich hin. Klaus war in dem Zug.’ Drei Tage nach dem Unglück haben sie im Krankenhaus die Maschinen abgeschaltet.“


„Je älter ich werde, desto präsenter ist es“, sagt die heute 80-Jährige, sie lebt in Göttingen. „Zeit heilt keineswegs alle Wunden, es wird nur blasser.“ Angermann hat der Bahn Überheblichkeit vorgeworfen, hat von einem Prozess Aufklärung und Linderung erhofft, vergeblich. Sie hat Medikamente genommen und wurde frühpensioniert.

Heinrich Löwen hat bei dem Unglück seine Frau Christl (50) und Tochter Astrid (26) verloren. „Ich habe die beiden früh am Morgen zum Bahnhof gebracht“, sagt der ergraute Niederbayer. „Dann sind sie in Nürnberg in diesen Zug gestiegen“, erinnert er sich. „Es waren damals Ferien. Ich habe meine andere Tochter betreut, sie ist behindert.“

„Es gibt eine Zeit vor Eschede und eine Zeit nach Eschede in meinem Leben. Das war eine persönliche Zeitenwende“, schildert Löwen die Folgen. „Im Alltag tritt es zwar in den Hintergrund, doch ist es immer wieder präsent. Auch an Jahrestagen wie dem bevorstehenden holt es einen wieder ein“, sagt er. „Das ist wie ein Phantomschmerz, es fehlt immer etwas. Eine intakte Familie wurde zerstört“, erklärt er. „Es war eine extrem harte und schwere Zeit. Da hat die Arbeit für die Selbsthilfe Eschede sehr geholfen, der Kontakt mit anderen Betroffenen. Man hat versucht, etwas zu tun.“

„In den ersten Jahren ist es eine brennende, den Menschen zerreißende Trauer“, schildert Psychologe Georg Pieper die Folgen solcher Katastrophen. „Das wird im Laufe der Jahrzehnte für viele ruhiger. Es bleibt aber eine immer lodernde Flamme.“ Pieper hat Opfer und Angehörige der ICE-Katastrophe betreut. Er gilt als erfahrener Trauma-Experte und ist seit 40 Jahren therapeutisch tätig, so auch nach dem Amoklauf von Erfurt 2002 und dem Grubenunglück von Borken 1988. „Ein Jahrestag ist ein weiterer Schritt der Verarbeitung, wenn man Trauergefühle zulässt und mit anderen teilt“, sagt Pieper mit Blick auf diesen Sonntag. „Auch zwanzig Jahre danach ist das Unglück an einem solchen Gedenktag den Angehörigen präsent“, erklärt er. „Das kann zu Alpträumen und psychosomatischen Beschwerden führen.“



Heinrich Löwen und Gisela Angermann werden am 20. Jahrestag in Eschede sein.  „Ich finde einen großen Auflauf nicht so schön, aber es ist etwas Gemeinsames“, sagt Angermann. Und Löwen betont: „Das Gedenken ist der eine Aspekt, aber man muss aus dem Unfall lernen.“ Der technische Fortschritt und das „immer schneller-höher-weiter“ müssten Grenzen haben. „Eschede muss auf Dauer eine Mahnung sein“, fordert Löwen.