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Höchststand im Jahr 2018
Automaten-Angriffe haben Konjunktur

 Ein aufgesprengter Geldautomat hängt im Vorraum einer Bank. 2018 verging kaum eine Woche, in der nicht irgendwo in Deutschland ein Gerät in die Luft flog oder zumindest eine Sprengung versucht wurde.
Ein aufgesprengter Geldautomat hängt im Vorraum einer Bank. 2018 verging kaum eine Woche, in der nicht irgendwo in Deutschland ein Gerät in die Luft flog oder zumindest eine Sprengung versucht wurde. FOTO: dpa / Arnulf Stoffel
Gießen/Wiesbaden. Kriminelle sprengen immer wieder Geldautomaten in die Luft. Die Polizei erwartet für 2018 einen neuen Höchststand der Fälle. Von Carolin Eckenfels, dpa

Die Diebe schlagen früh am Morgen zu. Anwohner schrecken aus dem Schlaf. Die Täter jagen einen Geldautomaten in die Luft, um an die Banknoten im Innern zu gelangen. Und wie so häufig fliehen sie unerkannt vom Tatort, diesmal im mittelhessischen Gießen. Der Automat steht im Erdgeschoss eines Gebäudes, das auch Wohnungen beherbergt.


Verletzt wird bei der Tat vor wenigen Wochen niemand, aber: „Die Gefährdung ist immens“, sagt Jörg Reinemer, der Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen mit Blick auf die schwer einzuschätzenden Folgen einer Detonation. Das Risiko betreffe vor allem die Täter, in Einzelfällen aber auch unbeteiligte Dritte. Zum Glück geht es meistens glimpflich aus: Der Polizei wurde etwa im Jahr 2017 kein einziger Fall mit Verletzten bekannt.

Im ausklingenden Jahr 2018 verging kaum eine Woche, in der nicht irgendwo in Deutschland ein Gerät in die Luft flog oder eine Sprengung zumindest versucht wurde. „Nach einem leichten Rückgang im Jahr 2017 auf 268 Fälle rechnen wir für das Jahr 2018 mit einem neuen Höchststand und mindestens 350 Fällen“, teilt dazu das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden mit.



Bis Oktober zählte das BKA 311 Taten, wobei die Diebe nur in 122 Fällen Beute machen konnten. Auch in Gießen flohen die Täter ohne Bargeld. Die meisten Delikte wurden in Nordrhein-Westfalen verübt. Wie viel Beute genau die Diebe machen konnten, ist unklar.

Das Vorgehen der Kriminellen ähnelt sich: Sie suchen sich Automaten, die verkehrsgünstig gelegen sind. So können sie schnell fliehen. Im Polizeipräsidium in Gießen laufen die Ermittlungen zu allen in Hessen verübten Automaten-Angriffen zusammen. Die Beamten gehen davon aus, dass die Diebe „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ zur organisierten Kriminalität gehören. Ein Großteil agiere bandenmäßig, arbeitsteilig und sehr professionell.

Gleichwohl gehen die Diebe ein großes Risiko ein: Für ihre Taten nutzen sie meist ein Gasgemisch – dessen Sprengkraft nur schwer zu kalkulieren ist. „Oft verläuft eine Sprengung nicht wie erhofft“, berichtet Polizeisprecher Reinemer. Dann reicht die Kraft nicht, um den Automaten aufzuknacken. Oder die Wucht der Detonation ist so groß, dass sie nicht nur das Gerät zerstört, sondern auch das Gebäude in Mitleidenschaft zieht.

„Die durch die Straftaten verursachten Sachschäden übersteigen die Beuteschäden in vielen Fällen deutlich“, heißt es im Bundeslagebild „Angriffe auf Geldautomaten“ für 2017. Genau Zahlen gibt es dazu aber nicht.

Bei den meisten Verdächtigen handelt es sich um reisende Täter aus dem europäischen Ausland, stellt das BKA fest. Das erschwert die Ermittlungen. Was sie außerdem schwierig macht: Durch die Explosionen werden häufig Spuren vernichtet, und es fehlen Zeugen, wie Reinemer auflistet.

Dass seit Jahren die Zahl der Delikte in Deutschland steigt – 2008 gab es noch 33 Fälle, davon 14 Versuche –, hat nach BKA-Angaben auch mit der Präventionsarbeit in Nachbarländern zu tun, vor allem in den Niederlanden.

Die gibt es auch hierzulande. Die Geldhäuser setzen für ihre Automaten „Sicherungskonzepte ein, die durch das Zusammenwirken von baulichen, mechanischen, elektronischen und organisatorischen Maßnahmen auf eine höchstmögliche Prävention und Vermeidung von Tatanreizen fokussieren“, teilte ein Sprecher der Deutschen Kreditwirtschaft mit. Welche Maßnahme ergriffen werde, hänge immer von der jeweiligen Gefährdungssituation eines Standortes ab. Pauschale Lösungen könne es nicht geben.