| 20:33 Uhr

Raumfahrt
„Alte Hasen schweben vertikal“

Sensationelle Fotos: Alexander Gerst nutzte 2014 auf der ISS eine digitale Standbildkamera, um ein Foto seines Helmvisiers zu machen. Im Visier sind Spiegelungen verschiedener Komponenten der Raumstation zu sehen.
Sensationelle Fotos: Alexander Gerst nutzte 2014 auf der ISS eine digitale Standbildkamera, um ein Foto seines Helmvisiers zu machen. Im Visier sind Spiegelungen verschiedener Komponenten der Raumstation zu sehen. FOTO: Alexander Gerst / dpa
Berlin/Köln. Training für einen neuen Start zur Raumstation ISS: Der Deutsche Alexander Gerst wird Anfang Juni die Mission „Horizons“ als Crew-Chef leiten.

Zum ersten Mal wird ein deutscher Astronaut Kommandant der Internationalen Raumstation (ISS) sein. Anfang Juni soll ­Alexander Gerst mit einem russischen Sojus-Raumschiff für die Mission „Horizons“ (Horizonte) zum Außenposten der Menschheit starten. Für die zweite Hälfte seines Aufenthalts bis zu seiner Rückkehr im November wird er für Crew und Station verantwortlich sein. „Ich freue mich darauf, wieder zur ISS zurückzukehren“, sagte Gerst, der 2014 bereits sechs Monate Bordingenieur auf der Raumstation war.



„Es fühlt sich an, als würde man zu einem Haus reisen, in dem man einmal viel Zeit verbracht hat“, so der 41-jährige Astronaut der Europäischen Weltraumagentur (ESA). Als Kommandant wird „Astro-Alex“ – so sein zum Spitznamen gewordenes Twitter-Kürzel – ein auf engem Raum zusammenlebendes Team leiten. Mit an Bord sind beim Start von Sojus MS-09 eine US-Astronautin und der russische frühere Kampfpilot Sergej Prokopjew (42), der zum ersten Mal zur ISS fliegt. Es ist der 55. Besuch eines Sojus-Raumschiffs an der ISS und der 161. Flug im Sojusprogramm. Jede Sojus wird neu gebaut und nur einmal verwendet. „Dieses Vehikel ist sehr sicher, es ist eines der zuverlässigsten, die je gebaut worden sind“, sagte Gerst. Kommandant der russischen Sojus ist – wie stets – der Russe im Team, Gerst sitzt diesmal aber anders als bei seinem ersten Flug als Copilot links von ihm und wird das Raumschiff zusammen mit ihm steuern.

Vor dem Einsatz stehen auch diesmal wieder gut zwei Jahre Training im Europäischen Astronauten-Zentrum EAC in Köln, im Sternenstädtchen bei Moskau und im Lyndon B. Johnson Space Center der Nasa in den USA an. Schon während dieser Zeit probt Gerst seinen Einsatz als Kommandant, koordiniert Teile des Crew-Trainings und sorgt dafür, dass kein Crew-Mitglied überlastet wird.

Mental anstrengend seien vor allem die Trainingseinheiten im Simulator für den Hin- und Rückflug mit der Sojus. „Die Trainer geben sich da richtig Mühe“, sagte Gerst. „Wir werden mit Armageddon-Szenarien bombardiert, mit 15 Fehlern gleichzeitig, den schlimmsten, die man sich vorstellen kann.“ Es gebe aber immer einen Ausweg – der müsse eben nur gefunden werden. „Ich bin nur einmal gestorben im Simulator“, so Gerst. Schuld war in dem Fall ein Fehler im Simulatorprogramm. „Es sind kurz vor dem Andocken alle Triebwerke ausgefallen, nachdem vorher schon zehn Dinge ausgefallen waren. Dadurch sind wir ohne jegliche Steuerungsmöglichkeit mit der ISS kollidiert.“

Prinzipiell falle alles einfacher, wenn man zum zweiten Mal fliege, erklärte Gerst. „Man ist sehr viel effizienter, denn man weiß schon, was wichtig ist und was nicht.“ Auf der ISS selbst lasse sich leicht erkennen, wer schon mal da war und wer neu ist: „Alte Hasen schweben vertikal, Neulinge horizontal.“ Seitlich durch die Station zu schweben sei viel angenehmer als mit dem Kopf voraus.



Bei den Einsätzen auf der ISS wird versucht, ein Erdarbeitsleben nachzustellen: Sechs Tage lang wird gearbeitet – wobei für das zweieinhalbstündige Sportprogramm und alltägliche Dinge wie Essen und Zähneputzen schon viel Zeit verloren geht. Etwa eine Stunde täglich hat ein Astronaut für sich. Zeit dafür, mit der Familie zu telefonieren, im – sehr langsamen – Internet zu surfen oder einfach mal aus dem Fenster zu gucken. Am Samstag ist Putztag auf der ISS. Die Sonntage sind frei.

Bei seiner ersten Mission „Blue Dot“ (Blauer Punkt) im Jahr 2014 führte Gerst als Bordingenieur mehr als 100 Experimente durch. Auch diesmal werden wissenschaftliche Projekte einen Teil des Arbeitsalltags ausmachen. Letztlich gebe es aber ähnliche Schwerpunkte wie beim letzten Mal. Materialwissenschaften, Robotik und Zellforschung gehören dazu, wichtig sei zudem der Test eines neuen Lebenserhaltungssystems für künftige bemannte Weltraummissionen.

Auch jedes ISS-Crewmitglied selbst ist ein Versuchskaninchen. Für Reisen in den Weltraum wird entscheidend sein, typische Probleme wie Muskelschwund, Augenschäden und verringerte Knochendichte in den Griff zu bekommen. Bekannt wurde kürzlich ein weiteres Problem: Der Körper von ISS-Astronauten wird etwa zweieinhalb Monate lang stetig wärmer, bis er sich bei ungefähr 38 Grad einpegelt.

Gerst ist wichtig, dass es bei den ISS-Experimenten auch um ein nachhaltigeres Leben auf der Erde geht. „Ich dachte, der Weltraum sei ein besonderer Ort“, sagte er. „Was ich da oben gelernt habe, ist, dass er genau das Gegenteil davon ist: Es gibt zwar viele interessante Objekte dort draußen, die es sehr wert sind, von uns gründlich erforscht zu werden. Aber der gigantische Rest des Weltraumes ist schwarz, öde und lebensfeindlich. Der wirklich, wirklich besondere Ort darin, das ist unser einzigartiger blauer Heimatplanet.“

Kehrt als Kommandant auf die ISS zurück: Ale­xander Gerst.
Kehrt als Kommandant auf die ISS zurück: Ale­xander Gerst. FOTO: Jörg Carstensen / dpa