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142 apokalyptische Sekunden

Unter den Trümmern sollen noch viele Opfer verschüttet liegen. Foto: Matteo Crocchioni/dpa
Unter den Trümmern sollen noch viele Opfer verschüttet liegen. Foto: Matteo Crocchioni/dpa FOTO: Matteo Crocchioni/dpa
Amatrice. 2009 in L'Aquila, 2012 in Modena. Erneut wird Mittelitalien von einem schweren Erdbeben erschüttert. Dutzende Menschen sterben – auch weil das Land aus seinen Naturkatastrophen nicht lernt. Julius Müller-Meiningen

Die Zeit steht still in Amatrice . Die Zeiger der Uhr am schmalen, mittelalterlichen Stadtturm im Zentrum des Städtchens wirken wie erstarrt. Auch jetzt, in der Hektik der Rettungsarbeiten, stehen sie auf 3.38 Uhr. Das war der Zeitpunkt, als am frühen Mittwochmorgen die Erde in Mittelitalien bebte. Genauer gesagt markierte dieser Moment das Ende des mit Stärke 6 schwersten Erdstoßes der ganzen Nacht. 142 apokalyptische Sekunden lang bebte der Untergrund und mit ihm Straßen, Häuser und Türme.



Die Folgen dieses Grauens sind vom frühen Morgen an im italienischen Fernsehen zu sehen. Es sind Bilder wie aus einem Krieg. Eingestürzte Gebäude, Trümmerhaufen, Staub und verzweifelte, in warme Wolldecken gehüllte Menschen. Manche stehen vor ihren zu Ruinen eingefallenen Wohnhäusern, andere laufen immer noch schreiend durch die Straßen. Immer mehr Rettungskräfte sieht man auf den Trümmern.

Mehr als 120 Tote wurden bis zum Abend in dem Erdbebengebiet gezählt, dessen Epizentrum an der Grenze zwischen den Regionen Latium, Marken, Umbrien und Abruzzen lag, in etwa vier Kilometern Tiefe unter dem 500-Einwohner-Dorf Accumoli. Wegen der vielen Vermissten könnte die Zahl der Opfer weiter steigen. Es gibt hunderte Verletzte, Tausende sind wohl obdachlos geworden.

Ein Bild aus Amatrice , dem wohl am meisten bei diesem Beben zerstörte und rund 140 Kilometer von Rom entfernten Ort, prägt sich besonders ein. Es sind etwa ein Dutzend Männer, darunter ein Jugendlicher, die auf einem Trümmerhügel einen jungen Mann unter schweren Betonplatten hervorziehen. Als er verstört das Tageslicht erblickt, bückt sich ein Helfer über den Geretteten. Er küsst ihn auf die Wange und legt ihm eine italienische Flagge über die Brust. Eine Geste, die vielleicht nur ein bisschen Wärme nach Stunden der Verzweiflung geben soll.

Aber die Flagge steht auch für ein sich in regelmäßigen Abständen wiederholendes Ritual. Regelmäßig erschüttern Erdbeben das Land, es herrschen Panik, Verzweiflung und Trauer. Dann folgt bald die Wut der Betroffenen, weil man weiß, wie anfällig Italien für seismische Ereignisse ist. Es wird dann von Bauspekulation, Schuld und großen Geschäften die Rede sein, aber weniger von nachhaltiger Prävention in der Zukunft. Oft hat man den Eindruck, dass Italien sich mit seinem Status als Nation von Erdbebenopfern abgefunden hat. Beinahe als seien die Beben ein Fanal der Unfähigkeit zum Wandel des ganzen Landes.



Als der Chef des italienischen Zivilschutzes Fabrizio Curcio gestern in Rom vor die Presse geht, vergleicht er das aktuelle Beben mit der Wirkung desjenigen, das vor sieben Jahren 309 Tote in den Abruzzen und der Regionalhauptstadt L'Aquila gefordert hat. Aber in Erinnerung sind auch die beiden Erdbeben aus dem Jahr 2012 in der Emilia-Romagna, ganz zu schweigen von den Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte, in Umbrien, im Friaul, in Kampanien und anderswo. Täglich gibt es kleinere, nur von Spezialgeräten erfassbare Erdstöße .

Sogar Kinder wissen in Italien, dass im eigenen Land die afrikanische und die eurasische Platte aufeinander stoßen und permanent Erdstöße erzeugen. Diesmal traf das Beben vier Regionen Mittelitaliens, aber man spürte es auch in Rom, Neapel oder Bologna. Auch am Gran Sasso, dem höchsten Gipfel der Apenninen, brachen Gesteinsmassen ab. Schicksalhaft wirkt auch der Zeitpunkt der jetzigen Katastrophe. Die betroffenen Bergdörfer werden während des Jahres nur von wenigen Hundert, selten Tausenden Menschen bewohnt. Amatrice etwa hat normalerweise 2600 Einwohner. Über Generationen sind die Bewohner ausgewandert. Im August kommen viele zurück, um die Verwandtschaft zu besuchen, manchmal sind mehr Gäste als Einheimische vor Ort. In wenigen Tagen sollte in Amatrice zudem das Fest der "Spaghetti all'Amatriciana" gefeiert werden, eines berühmten Nudelgerichts. Das Städtchen war auf Feierlichkeiten programmiert. Jetzt sagt Bürgermeister Sergio Prozzi: "Der halbe Ort existiert nicht mehr."

Was bleibt, sind Ungewissheiten. Zahlreiche Kinder sollen unter den Trümmern gestorben sein. In Amatrice versuchte eine Gruppe afghanischer Flüchtlinge zwei Frauen zu retten, ob sie Erfolg hatten, ist unklar. Wie es heißt, sollen in einem Hotel im Zentrum auch mehrere Touristen vom Erdbeben eingeschlossen worden sein. Warum, lautet die drängendste Frage, wirkt Italien so unvorbereitet auf zu erwartende Ereignisse wie Erdbeben ? Antworten hatte gestern kaum jemand. Schon gar nicht der zierliche, 27 Meter hohe, aber immer noch dastehende Stadtturm von Amatrice . Angesichts der Schwere des Erdbebens hätte er eigentlich als erstes einstürzen müssen.

Zum Thema:

Am Rande Erfahrene Spezialisten aus Nohfelden und Freisen sind meist dabei, wenn das Technische Hilfswerk (THW) Retter in Erdbebengebiete sendet. Allerdings war bis gestern Abend noch kein Hilfeersuchen der italienischen Regierung an Deutschland gerichtet worden, was einem aktuellen THW-Einsatz in Mittelitalien vorhergehen müsse, wie die THW-Bundesanstalt in Bonn gestern auf SZ-Nachfrage mitteilte. Die Bundesregierung habe aber ihrerseits Hilfe von THW-Experten bei der Bergung von Erdbeben-Verschütteten angeboten. tog