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Italien
Sturzflut reißt zehn Wanderer in den Tod

Die Rettungskräfte suchten zwei Tage lang nach Opfern der Sturzflut in der Raganello-Schlucht.
Die Rettungskräfte suchten zwei Tage lang nach Opfern der Sturzflut in der Raganello-Schlucht. FOTO: dpa / Francesco Capitaneo
Civita. Ein Wildbach in einer Schlucht Kalabriens wurde für dutzende Ausflüger zur tödlichen Falle. War das Drama vermeidbar? dpa

In einer Schlucht in Süditalien sind mehrere Ausflügler von Wassermassen überrascht und in den Tod gerissen worden. Am Tag nach dem Unglück bei Civita in Kalabrien fanden die Retter nach Angaben des Zivilschutzes drei junge Männer lebend und in guter Verfassung. Damit gebe es „zu 99,9 Prozent“ keine Vermissten mehr, sagte Umweltminister Sergio Costa gestern nahe der Unglücksstelle. Die Suche ging trotzdem weiter.


Denn der Zugang zur 13 Kilometer langen Schlucht, in der sich die Felswände bis zu 400 Meter hochziehen, ist stellenweise einfach und wird nicht kontrolliert. Man könne nicht ausschließen, dass Wanderer ohne offiziellen Touristenführer unterwegs seien, sagte eine Sprecherin des Zivilschutzes. Die Raganello-Schlucht liegt im malerischen Nationalpark Pollino. „Das Wasser hat alles mitgerissen, was es finden konnte, leider auch Menschen“, sagte Domenico Gioia, der für die italienische Vereinigung der Bergführer Exkursionen durch Kalabrien führt.

Am Montag sei ein starkes Unwetter über der Region niedergegangen, allerdings nicht unmittelbar über der Schlucht, erklärte Gioia. Womöglich merkten die Ausflügler nicht, wie viel Regen in den umliegenden Bergen niederging und den „fast trockenen Bach“, wie Gioia sagte, in einen reißenden Fluss verwandelte. „So eine Situation hatten wir hier seit 40, 50 Jahren nicht mehr.“ Die Sommer sind in Süditalien heiß und trocken.



Beim Eintreffen der Rettungskräfte am Montag spielten sich dramatische Szenen ab. „Wasser, Schlamm, Geröll. Und mittendrin die Körper der Ausflügler. Unsere Männer wussten sofort, dass hier etwas Schreckliches passiert ist“, erzählte Guido Umile von der Bergrettung dem „Corriere della Sera“. „Die enormen Wassermassen wurden in die Schlucht geleitet und kamen mit vernichtender Kraft.“

Insgesamt wurden nach offiziellen Angaben 26 Menschen gerettet, elf von ihnen liegen dem Zivilschutz zufolge im Krankenhaus. „Wir hörten ein Donnern, gleich danach stürzte eine Wassermauer hinunter, die uns wegriss“, zitierte die Zeitung eine gerettete Italienerin. „Ich habe es geschafft, mich an einem Baum festzuhalten, aber ich sah Körper, die mit wahnsinniger Gewalt fortgespült wurden.“ Laut Medien kommen die Opfer überwiegend aus Süditalien.

„Die Sturzflut von gestern in den Schluchten von Raganello ist leibhaftig ein Tsunami gewesen“, sagte der Vizepräsident der kalabrischen Bergrettung, Giacomo Zanfei, der Nachrichtenagentur Ansa. „Das erste, was man merkt, ist ein Windstoß und sofort danach eine Sturzwelle, die dich fortreißt“, erklärte Pierpaolo Pasqua, ebenfalls von der Bergrettung, der Zeitung „La Stampa“.

Die Schlucht teilt sich in verschiedene Abschnitte auf. Der letzte nahe Civita sei der einfachste, sagte Pasqua. „Mit einem Guide und angemessener Umsicht und den richtigen Klamotten kann ihn jeder schaffen.“ Dennoch sei in einer Schlucht Vorsicht geboten. „Schon ein kleiner Stein, der sich in der Höhe löst, kann tödlich sein.“

Die neue Tragödie in Italien eine Woche nach dem verheerenden Brückeneinsturz in Genua löste Bestürzung aus. Ein Sprecher der EU-Kommission drückte am Dienstag im Namen der Brüsseler Behörde seine Anteilnahme aus. „Unsere Gedanken sind bei den Opfern und allen Betroffenen sowie bei den tapferen Ersthelfern“, sagte er. „Die EU steht bereit zu helfen, wo immer wir können.“

Einige Tote und Verletzte waren in zwei geführten Gruppen unterwegs. Ums Leben gekommen sein soll auch ein Guide, der seit Jahren Exkursionen durch die Schlucht anleitet. Wäre die Tragödie vermeidbar gewesen? Die Staatsanwaltschaft hat Medien zufolge Ermittlungen gegen Unbekannt eingeleitet, unter anderem wegen fahrlässiger Tötung. Doch Zanfei von der Bergrettung warnt vor vorschnellen Schlüssen: Die Guides in der Raganello-Schlucht seien sehr erfahren und spezialisiert. „Deswegen wird hier niemand kriminalisiert. Das sind Ereignisse, die einmal im Leben passieren.“

Italiens Umweltminister Sergio Costa erreichte gestern den Unglücksort in Civita, dankte Polizei und Rettungskräften für ihren Einsatz.
Italiens Umweltminister Sergio Costa erreichte gestern den Unglücksort in Civita, dankte Polizei und Rettungskräften für ihren Einsatz. FOTO: AP / Francesco Arena