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Stil-Ikone der „Swinging Sixties“

Es war im London der 60er Jahre, als ein kleines Stück Stoff für eine Revolution in der Modewelt sorgte. Die junge britische Designerin Mary Quant hat mit dem Minirock den bis dahin üblichen Beinkleidern eine radikale Schrumpfkur verpasst. Von SZ-KorrespondentinKatrin Pribyl

London. Wäre diese Geschichte ein Film, würden die jugendlichen Ausgaben von John Lennon und Mick Jagger dazu singen. Denn jene von Mary Quant liest sich am besten, wenn sie begleitet wird von der britischen Musik aus den 1960er-Jahren. Langhaarige Männer bewegen sich im Takt, dazu wippen die Röcke der Mädchen. Die Beatles und die Rolling Stones stellten die Musikwelt auf den Kopf und schufen den Rahmen für die Designerin Quant, die keine Gitarren brauchte, um die Gesellschaft zu prägen, sondern lediglich ein Stück Stoff. Sie erfand den Minirock.

Die Britin ist eine der wenigen Menschen, die mit ihrer Mode Spuren in der Geschichte hinterlassen haben. Sie hat dem Beinkleid eine radikale Schrumpfkur verpasst und damit ein legendäres Kleidungsstück geschaffen. Heute feiert sie ihren 80. Geburtstag.

Es war Mitte der 50er-Jahre, als immer mehr junge Menschen gegen die prüde Garderobe und altbackene Gesinnung rebellierten, die den Frauen sowohl die Beine als auch ihre Freiheit einschränkten. Mary Quant, gerade 21 Jahre alt, eröffnete damals im Londoner Szene-Stadtteil Chelsea auf der berühmten King's Road ihre erste Modeboutique "Bazaar". Die Lehrertochter wurde von ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann, dem wohlhabenden Alexander Plunkett-Greene unterstützt. "Mode war damals nicht für junge Menschen gemacht", sagte sie später. Zu teuer, zu ungeeignet für den Alltag, Sie wollte Kleider, in denen man tanzen kann. Also ließ sie den Rocksaum weit über die kritische Knielänge wandern und entwarf Anfang der 60er die erste Mini-Kollektion, benannt nach ihrem Lieblingsauto.

Millionen junger Frauen - und auch Männer - waren begeistert. Zusammen mit der Anti-Baby-Pille verkörperte der Minirock das Symbol eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins. Das Stück Stoff passte perfekt zu den "Swinging Sixties" in London. Das britische Model Twiggy führte den Trend zu einem Höhepunkt. Moralische Oberlehrer und die konservative Gesellschaft kämpften schockiert gegen den "obszönen Fummel" und verschrien ihn als Zeichen des von Sex geprägten Zeitgeistes. Doch ihre Einwände gingen in den lauten Gitarrenklängen von Keith Richards unter.

Mit der Zeit nahm die Länge der Röcke weiter ab und der Erfolg zu. Mary Quant prägte wie kaum eine andere den bis heute berühmten London-Look: Einfache Formen, schreiende Farben, weiße Plastikkrägen, Lacklederstiefel und natürlich der Star ihrer Ideen, der Minirock. "Eigentlich waren es die Mädchen der King's Road, die ihn erschaffen haben", erinnerte sich Quant später. "Sie hörten nicht auf, noch kürzere Saumlängen zu fordern."

Doch weil die Britin nie einen Skandal provozieren wollte und sich Strapse mit einem Minirock nur schwer kombinieren lassen, verhalf sie einem weiteren Modestück, das nicht mehr aus den Kaufhäusern wegzudenken ist, zum Durchbruch: der Feinstrumpfhose. So mussten selbst die feinen Damen nicht zu viel nackte Haut zeigen. 1966 würdigte Queen Elizabeth II. ihre Verdienste und verlieh Quant einen Orden. Natürlich erschien die britische Modeschöpferin im Minirock im Buckingham Palast.