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Spanien unter Schock

Santiago de Compostela. Nach dem schweren Eisenbahnunglück im Norden Spaniens steht die Nation unter Schock. Bei der Zugkatastrophe nahe der spanischen Pilgerstadt Santiago de Compostela waren am Mittwochabend mindestens 80 Menschen getötet worden. Von SZ-Mitarbeiter Ralph Schulze

Anwohner hörten ein Krachen, die Erde schien zu beben. Dann plötzlich unheilvolle Stille und Rauchsäulen. Am Unglücksort fanden die ersten Helfer ein Horrorszenario: Umgestürzte und zertrümmerte Bahnwaggons. Einige hatten sich ineinander verkeilt. Die Wucht des Unglücks war so groß, dass ein Waggon samt Passagieren über eine zehn Meter hohe Schutzmauer geschleudert und teilweise zerfetzt wurde. Der letzte Waggon, an dem ein Triebkopf samt Dieseltank hing, brannte.

Der Schnellzug, der von der Hauptstadt Madrid in die nordspanische Fischerstadt Ferrol fahren sollte, entgleiste am Mittwochabend um 20.42 Uhr. Und zwar wenige Kilometer vor dem Bahnhof der berühmten Pilgerstadt Santiago de Compostela, in der Stunden später das Stadtfest für den Schutzheiligen Santiago eröffnet werden sollte. Das Unglück ereignete sich in einer engen Linkskurve, in der die Geschwindigkeit auf 80 Stundenkilometer begrenzt war.

"Ich bin mit 190 gefahren", soll der nur leicht verletzte Lokführer zugegeben haben. Warum, sagte er offenbar nicht. Das Video einer Sicherheitskamera, in dem man sieht, wie der Zug mit großer Gewalt gegen eine Begrenzungsmauer kracht, scheint die Aussage des Maschinisten zu bestätigen. Auch auf die Frage, warum es auf der Strecke kein automatisches Bremssystem gab, das vielerorts zum Sicherheitsstandard gehört, gab es zunächst keine Antwort.

Im Schnellzug mit 13 Waggons saßen hunderte Menschen. Auch ausländische Touristen reisten mit. Pilger, die nach Santiago wollten. Die Triebwagen des Zuges vom Typ Alvia können mit Strom, aber auch mit Diesel fahren, und eine Spitze von 250 Stundenkilometern erreichen. Der Unglückszug hatte fünf Minuten Verspätung. War der Lokführer deswegen mit Vollgas gefahren? Spaniens Verkehrsministerin Ana Pastor wandte sich gegen Spekulationen und mahnte zur Vorsicht: "Wir kennen noch nicht die Ursachen des Unglücks." Polizei und Bahningenieure untersuchten die Zugtrümmer. Die ganze Nacht bargen die Retter Verletzte und Tote. Die fürchterliche Bilanz gestern Abend: 80 Tote und 178 Verletzte. Die Zahl der Todesopfer könnte noch steigen, warnten die Behörden, etliche Menschen schwebten in Lebensgefahr. Besonders schlimm hatte es den hinteren Teil des Zuges erwischt: Der gesamte Zugkonvoi war auseinandergerissen worden. Der Triebwagen und die ersten vier Waggons sprangen aus den Schienen und blieben im Gleisbett stehen. Ein Wagen in der Zugmitte wurde in die Luft geschleudert und landete hinter einer zehn Meter hohen Schutzmauer. Feuerwehrleute und Ärzte berichteten von grausigen Momenten: Manchen Körpern seien der Kopf oder Gliedmaßen abgetrennt worden. Andere Opfer seien aus den Fenstern geschleudert und dann "von umstürzenden Wagen begraben" worden.

Das Unglück in Santiago ist das zweitschwerste in der europäischen Nachkriegsgeschichte. Die schlimmste Zugkatastrophe hatte sich 1998 im deutschen Eschede ereignet, als ein ICE auf dem Weg nach Hamburg entgleiste und 101 Menschen starben.