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Pioniertat in der „Mordwand“

Grindelwald. Viele hatten es versucht, einige waren dabei tragisch ums Leben gekommen. Am 24. Juli 1938 schließlich gelang es vier Bergsteigern, die Nordwand des Eiger zu durchsteigen. Hitler machte sie zu Propagandahelden. Von kna-MitarbeiterJoachim Heinz

Die letzte Etappe gehen die vier Bergsteiger "mit fast heiterer Gelassenheit" an. Nach drei dramatischen Tagen in der Eiger-Nordwand scheint der Gipfel in greifbarer Nähe. Tags darauf, am Nachmittag des 24. Juli 1938, ist es schließlich geschafft: Anderl Heckmair, Ludwig Vörg, Fritz Kasparek und Heinrich Harrer haben als Erste die über 1600 Meter hohe Steilwand in den Schweizer Alpen bezwungen. Im Tal wurden sie jubelnd empfangen. Die alpine Pioniertat, die sich jetzt zum 75. Mal jährt, nötigt auch heute noch Respekt ab. Das Heimatmuseum der Gemeinde Grindelwald am Fuß des gewaltigen Bergstocks wartet mit einer Sonderausstellung auf, der Buchmarkt ist um "Das große Eiger-Lexikon" reicher. Für Souvenirjäger im Angebot: Eine Postkarte in Retro-Optik. Der Mythos lebt - auch wenn die Kletterelite für die Tour heute nur noch zweieinhalb Stunden braucht.

In den 30er-Jahren war vieles anders. Damals reiste manch junger Bergfex mit dem Fahrrad in die Berge, um dort nach einer Nacht im Zelt die Gipfel zu stürmen. Statt leichter Funktionskleidung, Energieriegeln oder Akkubohrmaschinen zum Setzen von Haken gab es 25-Kilo-Ruckäcke, Schuhe mit Klauennägel-Beschlag und - für Heinrich Harrer - ein Butterbrot, das ihm seine Mutter zwei Wochen zuvor für seine Bergtour mitgegeben hatte. Zugleich machte sich ein Umschwung bemerkbar: Aus dem Bergsteigen wurde ein Extremsport. Intensiv hatten sich die vier Männer aus Deutschland und Österreich, die anfangs in zwei getrennten Partien unterwegs waren, vorbereitet. Massenmedien begleiteten den von Einheimischen teils kritisch beäugten "Wettlauf" um die Wand. Die Reporter profitierten von Präzisionsfernrohren - und davon, dass die Jungfraubahn sie ins Zentrum des Geschehens brachten.

Die Bahn, genauer ein in die Nordwand gehauenes Stollenloch, stand ziemlich exakt zwei Jahre vor der Erstbesteigung im Mittelpunkt des wohl tragischsten Unglücks in der "vertikalen Arena". Bergführer versuchten von hier aus, Toni Kurz zu retten, den letzten Überlebenden einer Viererseilschaft, die mitten in der Wand zum Umkehren gezwungen worden war. An einem Seil hängend harrte der 23-jährige Berchtesgadener mit schwersten Erfrierungen noch eine ganze Nacht aus - bis er völlig erschöpft starb, die Helfer in Sichtweite nur wenige Meter unter ihm. Ein Tod, "der nie vergessen werden wird", wie Erstbegeher Harrer festhielt. Das grausame Ende von Kurz trieb aber auch das Interesse an der "Mordwand" in die Höhe.

Das Sagen in der Wand hatte freilich nicht Harrer, sondern Heckmair. Nachdem sie mit der "Weißen Spinne" eine Schlüsselstelle gemeistert hatten, beschlossen die beiden Zweierseilschaften Heckmair/Vörg und Harrer/Kasparek, den Rest gemeinsam anzugehen. "Und Anderl soll unser Führer sein." Einem ganz anderen "Führer" kam der Erfolg des deutsch-österreichischen Quartetts mehr als gelegen. Kurz nach dem "Anschluss" Österreichs machte Adolf Hitler die vier Bergpioniere zu Propagandahelden.

Vörg fiel im Zweiten Weltkrieg, am ersten Tag des Überfalls auf die Sowjetunion. Kasparek verunglückte 1954 am Salcantay in Peru. Heckmair genoss bis zu seinem Tod 2005 in Bergsteigerkreisen einen legendären Ruf, ohne sich aber allzu viel daraus zu machen. Ganz anders Heinrich Harrer. Der nahm im Sommer 1939 an einer Himalaya-Expedition zum Nanga Parbat teil - und schlug sich, um der Gefangenschaft durch die Briten zu entgehen, bis nach Tibet zum Dalai Lama durch. Die Freundschaft zum Oberhaupt der buddhistischen Tibeter hielt ein Leben lang. Und bescherte Harrer im Alter von 85 Jahren noch einmal einen Popularitätsschub, als Hollywood die Episode verfilmte, mit Brad Pitt in der Hauptrolle.