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Massaker mit 44 Toten schockiert die Türkei

Istanbul. Es sollte ein Festtag werden, doch bittere Wut und verletzter Stolz in einem Familienstreit ließen eine Hochzeitsfeier in der Türkei in einem Blutbad enden. Maskierte Männer griffen eine Hochzeitsgesellschaft an und erschossen 44 Menschen. Die Braut Sevgi Celebi, ihr Bräutigam Habib Ari, der Imam, sowie viele Frauen und Kinder sind unter den Toten Von dpa-Mitarbeiter Carsten Hoffmann

Istanbul. Es sollte ein Festtag werden, doch bittere Wut und verletzter Stolz in einem Familienstreit ließen eine Hochzeitsfeier in der Türkei in einem Blutbad enden. Maskierte Männer griffen eine Hochzeitsgesellschaft an und erschossen 44 Menschen. Die Braut Sevgi Celebi, ihr Bräutigam Habib Ari, der Imam, sowie viele Frauen und Kinder sind unter den Toten. Am Rande der von kargen Hügeln umgebenen Ortschaft Bilge in Südostanatolien heben Bagger gestern Gräber aus. Die mutmaßlichen Täter und viele ihrer Opfer tragen denselben Familiennamen: Celebi.


Fernsehsender zeigen Bilder verzweifelter Angehöriger. Die Türkei ist schockiert über Schilderungen von Augenzeugen, die über kaltblütige Morde und unvorstellbare Gewalt berichten. Im Haus des Dorfvorstehers habe sich die Festgesellschaft versammelt und gegessen. Es kamen etwa 200 Menschen, fast das ganze Dorf. Dann beteten Männer und Frauen getrennt. "In diesem Moment kamen vier oder fünf maskierte Angreifer ins Dorf und schossen auf das Haus", wird ein Augenzeuge zitiert. Sie drangen in das Gebäude ein und feuerten.

"Die Angreifer kontrollierten noch genau, ob die von Schüssen Getroffenen auch wirklich tot sind", sagt der Augenzeuge. Das Massaker dauerte 15 Minuten. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu hat von Dorfbewohnern erfahren, dass es vorher Streit um die Braut gegeben hatte. Das war Öl ins Feuer einer schon länger dauernden Auseinandersetzung. Die Familie der späteren Angreifer wollte die Verwandte aus dem Celebi-Clan mit einem ihrer Männer verheiraten, doch der Vater der jungen Frau lehnte dies ab.

Habib Ari sollte Sevgi bekommen, doch ausgerechnet dessen Familie liegt mit den Tätern seit mehr als 20 Jahren im Streit, so heißt es. Warum ist unklar. Die Dinge nahmen ihren schlimmen Lauf.

Familiäre und politisch motivierte Gewalt sind im Osten und Südosten der Türkei nicht unbekannt.



Zu dem schlagzeilenträchtigen Konflikt mit der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK kommen gesellschaftliche Rückständigkeit und Armut in der Region. Türkische Frauengruppen haben im vergangenen Juni auf einer Konferenz in Istanbul beklagt, im Osten und Südosten seien 61 Prozent der bestehenden Ehen von Familien arrangiert. In fünf Prozent der Fälle habe es sogar noch den archaischen Brauttausch gegeben, bei dem Familien gegenseitig Mädchen oder Frauen stellen.