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Mafia-Geheimnisse aus erster Hand

Palermo. Angelo Provenzano ist der Sohn des 2006 verhafteten Cosa-Nostra-Bosses Bernardo Provenzano aus Corleone. Ein Tourismus-Unternehmen aus Boston lässt Provenzano Junior nun auf einer Tour in Palermo auftreten. Julius Müller-Meiningen

Es ist Samstag, der erste Tag der 15-köpfigen amerikanischen Reisegruppe auf Sizilien. Morgens geht es nach Monreale in die normannische Kathedrale mit byzantinischen Mosaiken. Mittags ist Palermos Innenstadt dran. Der Nachmittag ist frei, bis um 18 Uhr für viele das Highlight des Tages im Hotel Plaza Opera auf dem Programm steht. Nach einer "erhellenden Diskussion über die sizilianische Mafia (auch bekannt als Cosa Nostra )", kündigt der Veranstalter das Treffen mit "einem der Söhne eines früheren Mafiabosses" an.

Das Abenteuer-Programm "Siziliens alte Landschaften, zeitlose Traditionen" des exklusiven US-Reiseunternehmens "Overseas Adventure Travels" erfreut sich bei nordamerikanischen Touristen guten Erfolgs. In Italien sorgt der Programmpunkt mit Angelo Provenzano, dem Sohn des Mafiabosses, allerdings für Irritationen. Der 39-Jährige ist der Erstgeborene eines der größten Verbrecher aller Zeiten: Bernardo Provenzano . 43 Jahre war dieser unter teilweise mysteriösen Umständen auf der Flucht, nach elf Jahren als Boss der Bosse wurde Provenzano im April 2006 oberhalb des sizilianischen Städtchens Corleone in einer Bauern-Hütte gefasst. Die Ermittler hatten die Wege der auf kleine Zettel ("pizzini") geschriebenen Geheimbotschaften des Bosses zurückverfolgt. Die waren über Umwege an dessen Frau gelangt, die Mutter Angelo Provenzanos. Und der hat sich nie ausdrücklich von seinem Vater und der Cosa Nostra distanziert.

"Widert Sie die Mafia an?", wurde Angelo Provenzano vor drei Jahren von einer Reporterin gefragt. Er entgegnete: "Mich stört jede Art von Gewalt." Seinem inzwischen 82 Jahre alten und offenbar schwer kranken Vater, der nach insgesamt zehn Verurteilungen zu lebenslänglichen Haftstrafen wegen Morden an Richtern, Politikern und normalen Bürgern inzwischen das neunte Jahr in Haft sitzt, will der Filius kein Haar krümmen. Er verteidigt seine regelmäßigen Auftritte vor den Touristen im Plaza-Hotel mit dem Hinweis, er brauche Arbeit und sei von den Möglichkeiten des Tourismus-Sektors überzeugt. Also referiert Provenzano Junior samstags vor einer Kleingruppe, meist auf Englisch. Er berichtet von den ersten 16 Jahren seines Lebens, auf der Flucht mit dem Vater. Von dessen Familiensinn und davon, wie schwierig es ist, den Namen Provenzano zu tragen.

Antimafia-Aktivisten auf Sizilien protestieren. "Man darf die Mafia nicht in dieser Weise ausnützen", sagt etwa Maria Falcone, die Schwester des von der Cosa Nostra unter Bernardo Provenzano ermordeten Richters Giovanni Falcone . Giovanni Impastato, Bruder des 1978 von der Mafia getöteten Aktivisten Peppino Impastato, fordert Angelo Provenzano zum Bruch mit dem Vater auf. Die Treffen mit den Touristen seien "von schlechtem Geschmack".

Staatsanwälte wüssten außerdem gerne, wo sich das in den Jahren illegal angehäufte Vermögen des weiterhin schweigenden Bosses befindet und was die Familie über die Verhandlungen zwischen Cosa Nostra und italienischem Staat Anfang der 90er Jahre weiß. Erkenntnisse über die Flucht Provenzanos könnten neue Ermittlungen in Gang bringen. Das Bostoner Reiseunternehmen verteidigt sich unterdessen gegen Kritik. Die Tour-Gäste, alle an der Grenze zum Pensionsalter, wollten Sizilien gründlich kennen lernen.