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London baut Rad-Autobahnen

London. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson plant nicht weniger als eine Revolution: Schnellstraßen nur für Radfahrer sind seine Antwort auf die verkehrstechnischen Probleme der Stadt und die Gefahren für Radler. Katrin Pribyl

Fahrradfahren in London galt lange als Unterfangen für Lebensmüde. Doppeldeckerbusse verstopfen die Straßen, Autos drängeln sich an schweren Lastwagen vorbei und alte Taxis verpesten die ohnehin verschmutzte Luft zusätzlich. Trotzdem schwingen sich immer mehr Menschen in den Sattel, um überfüllte U-Bahnen oder Staus zu umgehen. Und der Bürgermeister der Themsestadt hat Großes für sie vor. Boris Johnson ist selbst begeisterter Radler und Namensgeber für die Leihräder, die überall in der Stadt zur Verfügung stehen und flapsig "Boris Bikes" genannt werden. Nun will er eine "Revolution" durchsetzen. Nachhaltig, cool und sicher - so soll das Radeln in der britischen Hauptstadt zukünftig werden. Dafür will er "Cycle Superhighways" im Zentrum Londons errichten.

Der städtische Verkehrsbetrieb Transport for London hat dem ambitionierten Projekt bereits zugestimmt. Die beiden Radwege, die sich kilometerweit von Osten nach Westen sowie von Norden nach Süden ziehen sollen, kosten umgerechnet rund 1,3 Milliarden Euro. Anders als bislang soll nicht nur am Straßenrand etwas Platz in Form eines blauen Streifens gemacht werden. Vielmehr wird ein Teil der Auto-Spuren abgetrennt, um als reine Fahrradspuren zu fungieren.

Denn immer wieder lösen tragische Unfälle Debatten über die Verkehrssicherheit auf Londons Straßen aus. Dem Verkehrsministerium zufolge starben zwischen 2009 und 2013 insgesamt 80 Menschen bei Unglücken, in die Radfahrer verwickelt waren. Fast 23 000 Unfälle wurden im selben Zeitraum in London gezählt. Erst vor wenigen Tagen starb eine 36-jährige Radlerin, nachdem sie von einem Lastwagen erfasst wurde - sie war das fünfte Todesopfer in diesem Jahr.

Der Bürgermeister hat sich für das Projekt offenbar das Fahrradparadies Niederlande als Vorbild auserkoren. Immerhin muss der Verkehr aufgrund der steigenden Bevölkerungszahl dringend entlastet werden. Rund 8,6 Millionen Menschen leben in der Hauptstadt, in wenigen Jahren sollen es bereits zehn Millionen sein. Ein Kollaps droht. "Wenn wir mehr Menschen auf ihre Räder bringen, reduziert das den Druck auf den Straßen, in Bussen und Zügen, es verringert die Luftverschmutzung und verbessert das Leben für jeden", sagt Johnson.

Bis April 2016 könnte Europas längster städtischer Radweg fertig sein, sollte es nicht noch Klagen geben. Denn obwohl die "Highways" im Parlament von allen Parteien unterstützt werden, stoßen die Pläne etwa bei Taxifahrern und privaten Beförderungsunternehmen auf Widerstand. Sie befürchten mehr Staus aufgrund der reduzierten Pkw-Spuren.