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Kleinkrieg auf dem Canal Grande

Rom. Ein Münchner Professor ist am Samstag bei einem Gondel-Unfall gestorben. Die Gondolieri behaupten, eine solche Tragödie sei nur eine Frage der Zeit gewesen. Der Schiffsverkehr in Venedig ist außer Kontrolle geraten. Von Julius Müller-Meiningen (SZ) und den Agenturen

Am Tag nach der Tragödie tragen die Gondeln Trauer. Die hölzernen, schwarz lackierten Boote versammeln sich vor der Rialto-Brücke im Canal Grande. 150 Gondolieri sind gekommen, in ihrer Berufskleidung mit gestreiften Hemden, schwarzen Hosen, Hüten. Die Ruder stemmen sie als Zeichen der Trauer in die Höhe.

Am Samstag war ein Münchner Juraprofessor auf dem Canal Grande ums Leben gekommen. Der 50-Jährige hatte mit seiner Familie eine Fahrt auf der Wasserstraße unternommen, als die Gondel nahe der weltbekannten Rialto-Brücke mit einem Diesel-betriebenen Vaporetto-Wasserbus zusammenstieß. Der Familienvater und der Gondoliere stürzten ins Wasser, dann wurde der Mann zwischen der Fähre und einem Pier zerdrückt. Der Familienvater starb, als er seine dreijährige Tochter retten wollte, sie wurde schwer verletzt. Die Ehefrau und die beiden Söhne des Paares blieben unverletzt. Der Münchner Jura-Professor war bis vor einiger Zeit Richter am Oberlandesgericht (OLG) in Stuttgart.

Die Gondolieri behaupten jetzt, es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis der erste Mensch auf einer Gondel im Canal Grande ums Leben kam. Für Außenstehende stellt sich der tägliche Verkehr auf den venezianischen Kanälen wie ein faszinierendes Wirrwarr dar, das nach eigenen, nicht ersichtlichen Regeln funktioniert. Doch von Regeln kann offenbar schon lange nicht mehr die Rede sein. Beinahe täglich riskieren die Gondolieri Unfälle, die von den Wasserbussen ausgelösten Wellen und die knappen Manöver treiben sie zur Verzweiflung. Längst ist die Schifffahrt in der Lagunenstadt außer Kontrolle geraten. "Mörder" rufen nun einige Gondolieri den Vaporetto-Kapitänen erbost zu.

In Venedig herrscht Kleinkrieg auf dem Wasser. Geschwindigkeitsbegrenzungen und ein Videokontrollsystem wurden zwar inzwischen eingeführt, allerdings mit geringem Erfolg. Das Geschäft mit den Touristen brummt. Die Folgen sind immer mehr Fahrten über Wasser - in der Gondel, auf dem Vaporetto oder per Kreuzfahrtschiff. In Venedig regiert der Aqua-Darwinismus, der Stärkere verdrängt den Schwächeren. Die Gondeln müssen sich vor den Manövern und Wellen der Wasserbusse und Wassertaxis in Acht nehmen. Diese wiederum werden von den Kreuzfahrtschiffen, die die Lagune durchqueren, bedroht. Erst vor Wochen zwang ein Kreuzfahrtschiff ein Vaporetto zu einem Notmanöver. 661 Kreuzfahrtschiffe legten 2012 in Venedig an, 1997 waren es noch 206. Bis zu 80 000 Touristen kommen pro Tag, davon Zehntausende Passagiere. Sie verwandeln die 60 000-Einwohner-Stadt Venedig in ein Freiluftmuseum, das immer mehr Züge eines Schlachtfeldes zu Wasser trägt.