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Insekten aus dem Supermarkt

Toulouse. Darf es ein etwas anderer Snack für die Silvesternacht sein? Knusprig-würzig und aufregender als Chips? Ein französischer Jungunternehmer setzt auf Grillen und Mehlwürmer. Die gibt's bald auch im Supermarkt. Von dpa-MitarbeiterAnsgar Haase

Der Herr über Abermillionen von Insekten könnte auch Manager einer Bar sein. Jeans, weißes Hemd, Sakko mit Einstecktuch - ein charmanter 31-Jähriger mit verschmitztem Lächeln empfängt Besucher in seinem Reich nahe der südfranzösischen Stadt Toulouse. In einer unscheinbaren Halle züchtet er mit einem kleinen Team Grillen und Mehlwürmer. Wer jetzt an Angelköder oder Haustierfutter denkt, irrt allerdings gewaltig. Cédric Auriol produziert ausschließlich für den menschlichen Verzehr - nach eigenen Angaben als Erster in Europa. "Das wird ein Teil der Ernährung der Zukunft sein", sagt er und verweist auf gute Nährstoffwerte und klimafreundliche Produktion.

Ekelgefühle? "Vollkommen unbegründet." Ein bisschen nussig, ein bisschen würzig, so schmecken die getrockneten Tierchen. Neben "Insekten pur" hat Auriol Pralinen und Kekse mit Insekten im Angebot. Und die gibt es bald auch im Supermarkt. Auriol hat eine entsprechende Vereinbarung mit einer großen Kette erzielt. Im Januar soll ein erster Testverkauf beginnen.

Auf die Idee mit den Insekten ist der Franzose durch die Welternährungsorganisation FAO gekommen. Durch Zufall fiel ihm eine Studie zu Problemen durch den globalen Bevölkerungszuwachs in die Hände. Eine der Lösungen lautete Entomophagie, das heißt Verzehr von Insekten durch den Menschen. "Bis dahin hatte ich noch nie eine Grille oder einen Mehlwurm gegessen", erinnert sich Auriol, "aber ich war neugierig." Aus Interesse wurde schnell ein Projekt. Auriol probierte sein erstes Insekt, sah sich in Asien bei Kleinproduzenten um und legte los. Mit Mehlwürmern und Grillen, weil diese verhältnismäßig leicht zu züchten sind. Heute hüpfen, kriechen und krabbeln in seiner Halle rund zwei Tonnen Insekten. Wie viele Tiere das sind? "Noch wird es eine Zahl im Millionenbereich sein", sagt Auriol. "Ende 2014 sollten es aber mehr als eine Milliarde sein."

Im Vergleich zu einer Legebatterie ist Auriols Halle ein angenehmer Ort. Die Grillen wachsen in luftigen Boxen auf, als Rückzugsraum dienen Eierkartons. Die Mehlwürmer sind in etwas tristeren schwarzen Plastikboxen mit Streu untergebracht. Als Futter gibt es Weizenmehl, Gerste, Gemüse und Obst - alles aus biologischem Anbau. "Das macht es für viele Verbraucher leichter, so etwas zu probieren", meint Auriol. Derzeit seien viele seiner Kunden noch Insekten-Freaks oder abenteuerlustige Esser.

Das Dschungelcamp-Image soll aber möglichst schnell weg. Einen Partner dafür hat Auriol in David Faure gefunden. Der experimentierfreudige junge Mann betreibt in Nizza das Feinschmecker-Restaurant "Aphrodite" und hat als wohl erster Sterne-Koch ein Insekten-Menü im Programm. Faure steckt Mehlwürmer in Erbsenpüree-Würfel an Karottenschaum und garniert eine Maiscreme an gebratener Foie gras mit knusprigen Grillen. Für die weiteren Gänge kommen die Tiere als Puder auf Kabeljau oder in Whisky-Gelee-Kugeln auf den Tisch.

Viel Inspiration in Sachen Insekten kommt aus Ländern außerhalb Europas. Die artenreichste Tierklasse der Welt trägt Schätzungen zufolge bereits jetzt zur Ernährung von rund zwei Milliarden Menschen bei. In Großstädten wie Bangkok werden jährlich tonnenweise Insekten konsumiert. "Sie sind nahrhaft mit hohem Protein-, Fett- und Mineralstoffgehalt", erklärt die FAO.

Für Auriol ist das Weihnachtsgeschäft hervorragend gelaufen - die Grillen-Pralinen waren Tage vor dem Fest ausverkauft. Bis sich der Insektenhandel richtig lohnt, wird es aber wohl noch etwas dauern. Aktuell verlangt er für 40 getrocknete Grillen 12,50 Euro.