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TV-Kritik zu „Hart aber fair“
„Wir Menschen sind alle Rassisten“

Die Gäste der Sendung „Hart aber fair“ am 28. August 2018 mit Moderator Frank Plasberg (re.).
Die Gäste der Sendung „Hart aber fair“ am 28. August 2018 mit Moderator Frank Plasberg (re.). FOTO: WDR / Screenshot WDR-Mediathek
Für die meisten Teilnehmer von Frank Plasbergs Gesprächsrunde, die einen Migrationshintergrund haben, gehören Rassismus und Diskriminierung zum Alltag. Hat Deutschland – auch angesichts der Özil-Debatte – ein besonders großes Rassismus-Problem? Von Sonja Blaschke

Darum ging’s: Nach der Özil-Debatte will Moderator Frank Plasberg mit seinen Gästen den Blick in den Spiegel wagen: Wie verbreitet sind Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Deutschland? Gibt es wirklich die tägliche Ausgrenzung in der Schule, im Job, bei der Wohnungssuche? Wie viel Unterschiede sollte eine Gesellschaft vertragen können?


Darum ging’s wirklich: In der Debatte ging es eher um die Erfahrungen der Gesprächsteilnehmer – überwiegend mit Migrationshintergrund – mit Diskriminierung und Rassismus. Die meisten haben damit Erfahrungen in ihrem im Alltag gemacht.

Die Gäste



  • Mehmet Daimagüler, Rechtsanwalt; Nebenkläger-Anwalt im NSU-Prozess; Buchautor „Empörung reicht nicht!“
  • Shary Reeves: Sängerin, Schauspielerin und Moderatorin
  • Karlheinz Endruschat, SPD-Ratsherr in Essen; stellvertretender SPD-Vorsitzender Essen, früherer Bewährungshelfer
  • Carim Soliman, Journalist und Amateur-Fußballer
  • Tuba Sarica, Bloggerin, Buchautorin „Ihr Scheinheiligen! Doppelmoral und falsche Toleranz – die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen.“
  • Im Einzelgespräch: Borwin Bandelow, Buchautor, Psychologe, Angstforscher

Der Frontverlauf

Vorweg: Mit einigen wenigen Ausnahmen war es wohl eine der ruhigsten und fairsten Debatten in „Hart aber fair“ seit langem. Moderator Frank Plasberg schien selbst überrascht. Denn das Thema selbst „Özil und die Folgen: Steckt in jedem von uns ein kleiner Rassist?“ beschäftigt Deutschland seit Monaten und hat durch die Ausschreitungen in Chemnitz am Wochenende neue Brisanz gewonnen.

Der Anwalt Mehmet Daimagüler ist in Deutschland bekannt als Nebenkläger-Anwalt im NSU-Prozess. Deutschland sei überwiegend tolerant, sagt der Türkischstämmige, „jedenfalls solange Migranten funktionieren“, wenn nicht, dann werde man schnell „ausgebürgert“. Er habe immer wieder das Gefühl, dass er – und seine Klienten – anders behandelt würden, mitunter sogar mit Auswirkungen auf das Strafmaß. Während deutsche Anwälte vor Gericht nur ihren Anwaltsausweis zeigen müssten, verlange man von ihm manchmal noch den Personalausweis. „Mir geht es gut, ich habe etwas aufbauen können, aber solche Vorfälle schmerzen halt doch“, sagt Daimagüler. „Ich frage mich, wie es Leuten geht, die nicht so gut Deutsch sprechen, die eine dunklere Hautfarbe haben.“ Menschen seien alle – bis auf Kinder vielleicht – rassistisch, homophob, antisemitisch… Er selbst habe sich schon dabei ertappt, auf der Autobahn über einen polnischen Autofahrer zu schimpfen.

Die dunkelhäutige Moderatorin Shary Reeves, die in Köln geboren ist, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie sagt, sie werde, wenn sie in einer Schlange warte, gerne einmal übersehen. „Man kann natürlich sagen: ‚Vielleicht bildet sie sich das nur ein‘. Aber es ist ein Schmerz.“’

Die türkischstämmige Bloggerin Tuba Sarica hat keine Erfahrungen mit Rassismus gemacht, sagt sie. „Ich hatte ein wunderbares Leben, eine wunderbare Kindheit in Deutschland.“ Man dürfe nicht verallgemeinern, sagt sie – und tut es selbst, wie Carim Soliman, Journalist und Amateur-Fußballer, anmerkt. Sarica sage, „mir ist es nicht passiert, also ist es Dir auch nicht passiert“. Er und Daimagüler ziehen Vergleiche zur MeToo-Sexismusdebatte, wo Betroffene häufig nicht ernst genommen werden. Sarica scheint nicht zuzuhören. „Wir leben in einem wundervollen Land, in dem jeder eine Chance hat“, wiederholt sie mehrfach.

Der Anwalt Daimagüler vertritt eine differenziertere Ansicht: „Ich verdanke alles in meinem Leben meiner Familie und diesem Land. Ich hänge an diesem Land und gerade deswegen thematisiere ich diese Dinge“, sagt er.

Der einzige Diskussionsteilnehmer ohne Migrationshintergrund in der Runde ist der SPD-Politiker Karlheinz Endruschat. „Biodeutscher“ nennt Moderator Plasberg diesen salopp. Endruschat sagt, es sei schwierig, Probleme anzusprechen. Er habe Beobachtungen über seinen Stadtteil in Essen aufgeschrieben, der zur Hälfte von Personen mit Migrationshintergrund bewohnt werde - etwa, dass deutlich weniger Kinder aus diesem Stadtteil den Übertritt ans Gymnasium schafften. „Am nächsten Morgen war ein neuer Rassist geboren, weil die gesamte Empörungsindustrie über mich herfiel.“

Soliman versucht, immer wieder an dem Abend auf das Ausgangsthema – die Özil-Debatte – zurückzulenken. Sie liegt ihm als Amateur-Fußballer offenbar besonders am Herzen. Solimann, der ein ägyptisches und ein deutsches Elternteil hat, scheint Verständnis für Özil zu haben. „Ich fühle mich ägyptisch und deutsch und muss es beiden Seiten beweisen“, sagt er.

Die Bloggerin Sarica greift das Özil-Thema auf. Özil sei undankbar, ein „Mitläufer einer faschistischen Regierung“, die die „schreckliche deutsche Vergangenheit“ in der Türkei wiederhole.

Plasberg tritt an diesem Punkt leise, aber entschieden auf die Bremse, mit solchen Vergleichen müsse man vorsichtig sein. Daimagüler, der Jura, Volkswirtschaftslehre und Philosophie studiert hat, bringt es am Ende auf den Punkt. Natürlich gebe es auch unter türkischstämmigen Menschen aggressive und nervige Personen - wie unter allen anderen Menschen auch. „Rassismus hat viel mehr etwas mit Macht und Ohnmacht zu tun.“