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Brand in Portugal
Plötzlich wird aus einem Paradies die Hölle

Pedrógão Grande/Lissabon. In Portugal sterben bei einem Großbrand in einem Naturparadies mindestens 60 Menschen. Neben Trauer herrscht Wut.

() Nach dem nächtlichen Feuerinferno bot das sonst so beschauliche Naturparadies Pedrógão Grande ein Bild des Grauens. Während die Feuerwehr einige Hundert Meter weiter die Flammen weiter unermüdlich bekämpfte, irrten gestern einige Menschen in ausgebrannten Dörfern und Feldern umher, hilflos und verzweifelt. Schreie waren zu hören: „Wo ist meine Mutter?“ und „Ich finde meine Tante nicht“. Dort, wo bis Samstag noch Pinien und schmucke Häuschen standen, wo sich Wanderer und Wassersportler auf Lagunen und Stauseen vergnügten, waren nur noch schwarzgraue Asche und viel Rauch zu sehen.

„Was für eine Tragödie. Das Haus meiner Oma wurde dem Erdboden gleichgemacht“, sagt António Pires im 580-Einwohner-Dorf Vila Facaia. Der 40-Jährige muss schlucken, bevor er mit zittriger Stimme weiter berichtet: „Vier meiner Angehörigen und Nachbarn sind in der Nacht ums Leben gekommen. Ich habe Leichen gesehen.“ Durch das Feuer sterben in der Region knapp 200 Kilometer nordöstlich von Lissabon insgesamt mindestens 61 Menschen. „Auch Dutzende Hunde, Ziegen, Kühe, Kaninchen und andere Tiere sind umgekommen“, klagt Pires.

Der Brand wurde den Behörden zufolge am Samstagnachmittag durch einen vom Blitz getroffenen Baum ausgelöst. Die Katastrophe nahm dann nach Einbruch der Dunkelheit ihren Lauf. Die Landstraße 236 wurde blitzschnell zur tödlichen Falle. Mindestens 30 Menschen starben hier in ihren Fahrzeugen einen qualvollen Tod. Ein Landwirt sah die Tragödie aus nächster Nähe. „Das war unglaublich, Dutzende Autos haben binnen Sekunden lichterloh gebrannt, plötzlich überall Flammen, Rauch, Wind. Die Armen hatten keinen Ausweg“, erzählt er dem Fernsender RTP.

Ein Reporter stand gestern live vor der Kamera, hinter ihm auf der Landstraße Dutzende verkohlte Autowracks. Zum Teil ineinander verkeilt. Es sind stille Zeugen der Panik, die geherrscht haben muss. „Ein Horrorszenario“, bringt der Reporter mühsam raus. Eine Rentnerin, die auf der „Todesstraße“ unterwegs war, aber rechtzeitig entkommen konnte, erzählt: „Alle Fahrzeuge brannten plötzlich, auch unser Wagen. Ich und mein Mann hatten unsere Seele bereits dem Herrn übergeben. Aber irgendwie haben wir die Tür aufmachen und über umgestürzte Pinien hinweg davonlaufen können.“

Portugal trauert wie selten zuvor. Jorge Gomes, Staatssekretär im Innenministerium, musste bei jeder neuen Opferbilanz mit den Tränen kämpfen. Regierungschef António Costa sagte: „Wir können uns an keine schlimmere Tragödie erinnern.“ Und Staatsoberhaupt Marcelo Rebelo de Sousa, der noch in der Nacht zum Unglücksort gefahren war, fiel dem Bürgermeister von Pedrógão Grande, Valdemar Alves, nach der Ankunft in die Arme. Beide weinten.

Es wurde aber nicht nur getrauert in Portugal, sondern auch viel geschimpft. Viele Bewohner der von den Flammen zerstörten oder bedrohten Häuser sagten, sie hätten stundenlang nicht einen einzigen Feuerwehrmann gesehen. „Wir hatten weder Wasser noch Strom und wurden zu allem Übel unserem Schicksal überlassen“, schimpfte auch António Pires. Der angesehene Forstwissenschaftler Paulo Fernandes von der Universität Trás-os-Montes versicherte sogar, man hätte die Tragödie vom Wochenende verhindern können. Oder zumindest das Ausmaß, etwa durch rechtzeitiges Sperren von Straßen. Man müsse auch meteorologische Daten besser nutzen, fordert er.