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Ein Wrack als Touristenbremse Kreuzfahrten bei Saarländern weiterhin beliebt

Rom. Elisabeth Nanni blickt aus dem Fenster ihrer Wohnung. Die Leiterin des Tourismusbüros der Insel Giglio lebt in der hoch gelegenen Burg im Ort Castello, von der man einen atemberaubenden Blick auf das Meer hat. Seit einem Jahr liegt dort unten das gekippte Wrack der Costa Concordia Von SZ-Mitarbeiter Julius Müller-Meiningen

Rom. Elisabeth Nanni blickt aus dem Fenster ihrer Wohnung. Die Leiterin des Tourismusbüros der Insel Giglio lebt in der hoch gelegenen Burg im Ort Castello, von der man einen atemberaubenden Blick auf das Meer hat. Seit einem Jahr liegt dort unten das gekippte Wrack der Costa Concordia. Aus der Ferne ist es klein und sieht beinahe harmlos aus, als schmiege es sich an die Felsen vor dem kleinen Hafen.



Doch der Jahrestag des Unglücks bringt die dramatischen Geschehnisse aus der Nacht des 13. Januar vor der toskanischen Küste wieder in Erinnerung. Auch Nanni eilte damals den 4229 schiffbrüchigen Passagieren zu Hilfe, die sich auf Schlauchbooten in den nah gelegenen Hafen zu retten versuchten. 32 Menschen kamen ums Leben, darunter zwölf Deutsche. "Auch unser Leben auf der Insel hat sich von einem auf den anderen Tag verändert", sagt Nanni. Seit dem Ende der Rettungsarbeiten warten die Insulaner nun auf den Abtransport des Wracks.

Vor Tagen wurde bekannt, dass auch die zweite Tourismus-Saison ins Land gehen wird, bis das riesige Kreuzfahrtschiff, dessen Leergewicht 100 Flugzeugen vom Typ Boeing 747 entspricht, in einen italienischen Hafen transportiert werden kann. Zu groß ist das Schiff, zu unkalkulierbar sind die Bergungsarbeiten. 400 Menschen der US-Firma Titan sind rund um die Uhr im Einsatz. Sie bereiten das Aufrichten der 280 Meter langen Costa Concordia vor. Nun heißt es, die Ingenieure hätten Schwierigkeiten mit der Verankerung von Pfählen im Meeresboden, die dafür notwendig sind.

An diesem Sonntag begeht die Insel Giglio den Jahrestag des Unglücks. Im Andenken an die 32 Todesopfer der Tragödie wird eine Messe in derselben Kirche gefeiert, in der in der kalten Januarnacht Hunderte Schiffbrüchige Zuflucht fanden. Gedenktafeln werden eingeweiht, eine Schweigeminute abgehalten. In einer symbolischen Aktion soll der Felsen, der den Rumpf der Concordia auf 70 Metern aufriss, wieder an seinen Ursprungsort vor der Insel gebracht werden.

Vizebürgermeister Mario Pellegrini wird sich als Taucher an der Aktion beteiligen. Als in der Unglücksnacht die letzten Passagiere gegen fünf Uhr früh die Costa Concordia verließen, dachte Pellegrini: "Jetzt haben wir es geschafft." Damals ahnte er nicht, was für Folgen der Schiffbruch für die Insel haben sollte. "Eigentlich ging es danach erst los", erinnert er sich. Die Insel war den Dimensionen der Katastrophe nicht gewachsen. Obwohl bis heute die Wasseranalysen keine Verschmutzung ergeben, brach der Bade-Tourismus ein. Pellegrini schätzt den Rückgang auf bis zu 40 Prozent.



Auch im Hafenort hat sich das Bild geändert. Statt der Gäste, die ein paar Wochen blieben, fallen nun seit einem Jahr die Schaulustigen über die Insel her. Die meisten setzen mit der Fähre von Porto Santo Stefano über, bleiben ein paar Stunden, schießen Fotos und reisen wieder ab. Durchschnittlich bis zu 2000 Besucher mehr am Tag hat die Verwaltung gezählt. Vor allem die Lokale und Restaurants im Hafen profitieren von dem Ansturm, der auch im kommenden Jahr nicht abnehmen wird.

Auf dem Festland ist die italienische Justiz weiter mit dem Fall beschäftigt. Kapitän Francesco Schettino drohen bis zu 20 Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung. Noch ist unklar, wann der Strafprozess beginnen kann. Staatsanwalt Francesco Verusio behauptete, der Kapitän habe das Kreuzfahrtschiff leichtsinnig "wie ein Schlauchboot" manövriert. Offenbar wollte Schettino das Schiff für einen Seemannsgruß besonders nahe an die Insel steuern und verlor dabei die Kontrolle. Anschließend hatte er das Schiff während der Evakuierung und noch vor vielen Passagieren verlassen.Saarbrücken. Trotz der Concordia-Katastrophe bleibt die Nachfrage nach Kreuzfahrten in den saarländischen Reisebüros hoch.

So auch bei Wilfried Ames vom gleichnamigen Reisebüro in Köllerbach: "Es gab praktische keine Veränderungen nach dem Unglück, bis auf wenige Einzelfälle. Seit mindestens zehn Jahren sind Kreuzfahrten beliebt. Das hängt an den niedrigeren Preisen. Schon ab 700 Euro kann man zehn Tage mit Vollpension." Nadine Etges von "Holiday Reisen" Krings aus Merzig sagt: "In den ersten zwei, drei Wochen nach dem Unglück gab es nicht so viele Anfragen, danach wurden wie zuvor sehr viele Kreuzfahrten gebucht - allerdings kaum noch der Veranstalter Costa.

Ähnlich sieht es Markus Bur vom Reisecenter Bur in Kleinblittersdorf: "In der Anfangsphase war es auf jeden Fall ein Thema. Der Schock war groß, wie nach einem Flugzeugabsturz. Inzwischen läuft es wieder normal, die Leute verdrängen so etwas ja schnell." Silke Schuh vom Reisebüro "Bon Voyage" in Eppelborn hat wenig gemerkt: "Außer beim Veranstalter Costa war das Interesse weiter groß, gerade bei Familien. Walfried Munz von "Fortuna-Reisen" in Bliesmengen-Bolchen sagt: Einige haben sich nicht mehr getraut, aber die Leute vergessen auch schnell wieder. tho

Foto: Niemeyer/dpa