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Ein Sieger, der keiner sein will

Andreas Kümmert hatte mit großer Mehrheit den Vorentscheid zum Eurovision Song Contest gewonnen, lehnte den Sieg aber ab.
Andreas Kümmert hatte mit großer Mehrheit den Vorentscheid zum Eurovision Song Contest gewonnen, lehnte den Sieg aber ab.
Hannover. Der Vorentscheid für den Eurovision Song Contest endete mit einem Eklat. Der vom Publikum gewählte Sieger, Andreas Kümmert, lehnte seinen ersten Platz mit wenigen Worten ab. dpa-MitarbeiterinChristina Sticht

Warum tritt jemand beim Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC) an, wenn er am Ende gar nicht mitmachen will? Andreas Kümmert gab dem Publikum am Donnerstagabend Rätsel auf: Der 28-Jährige wurde in der Sendung "Unser Song für Österreich" von den Zuschauern zum Sieger gekürt. "Vielen lieben Dank. Ich bin überwältigt von Euch allen", richtete sich der Sänger an seine Fans. Doch dann schob er hinterher: "Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen." Deshalb gebe er seinen Titel an Ann Sophie ab.

Das Publikum in der Halle reagierte mit Buh-Rufen. Auch die eigentlich zweitplatzierte Ann Sophie schaute entsetzt. Dann schloss sie Kümmert in die Arme. "Wenn sein Herz ihm das gesagt hat, ist das absolut richtig", sagte die 24-Jährige bei der Pressekonferenz nach der Show und forderte die Journalisten auf, "Andreas in Ruhe zu lassen". Auch Moderatorin Barbara Schöneberger sagte später, sie habe sofort gespürt, dass Kümmert es ernst meint. "Ich hatte das Gefühl, er möchte es nicht." Weder der für die Show verantwortliche NDR noch Kümmerts Plattenfirma Universal hatten mit dieser Wendung gerechnet, beteuerten beide nach dem Eklat.

Dabei hatten bereits bei der Bekanntgabe der Kandidaten für den Vorentscheid manche gerätselt, warum ausgerechnet Andreas Kümmert antritt. Der Rock- und Bluessänger hatte vor einem Jahr die Fernseh-Castingshow "The Voice of Germany" gewonnen, schien sich aber nie wohl im Medienzirkus zu fühlen. Noch am Tag vor dem Vorentscheid war er beim Arzt und hatte die Proben verpasst. Er hatte 40 Grad Fieber, wie es in der Show hieß.

Der 28-Jährige aus Unterfranken sieht nicht so aus, wie man sich einen Popstar vorstellt. Aber auf der Bühne zieht er mit seiner Stimme und seinem Gefühl die Zuhörer sofort in seinen Bann. Er bringt Tiefe und viele Facetten in seine Songs, mal klingt er zerbrechlich, mal wie Dynamit. Bei seinem Abgang wirkte er zerknirscht.

Ann Sophie bekommt nun die Chance, sich beim ESC-Finale am 23. Mai in Wien vor einem Riesenpublikum mit ihrem Song "Black Smoke" zu präsentieren. Geschätzte 180 Millionen TV-Zuschauer in aller Welt hatten das Finale im vergangenen Jahr gesehen. "Ich habe großen Respekt vor Andreas und seiner Entscheidung und bin ihm auch dankbar", sagt die 24-Jährige, die in New York Schauspiel studierte.

Die Hamburgerin bezeichnet sich selbst als "Rampensau". Optisch erinnert sie ein wenig an die Sängerin Lena Meyer-Landrut , die 2010 den ESC für Deutschland gewonnen hatte. Auf die Ähnlichkeit angesprochen, sagte Ann Sophie, sie versuche, sich niemals mit irgendjemand anderem zu vergleichen.



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Auf einen Blick3,2 Millionen Zuschauer haben laut NDR die Sendung zum Vorentscheid des Eurovision Song Contests am Donnerstagabend verfolgt. Den Sieger des Gesangwettbewerbs konnten die Zuschauer per Telefonwahl bestimmen. Den Angaben zufolge entfielen von den 1,54 Millionen Anrufen 78,7 Prozent auf Andreas Kümmert - der seinen Sieg allerdings nicht annahm. Statt Kümmert wird die zweitplatzierte Ann Sophie in Wien auftreten. Für sie stimmten 21,3 Prozent der Anrufer. flom

Kann den plötzlichen Sieg nicht fassen: Die zweitplatzierte Ann Sophie wurde kurzerhand zur Gewinnern gekürt. Fotos: dpa/Steffen
Kann den plötzlichen Sieg nicht fassen: Die zweitplatzierte Ann Sophie wurde kurzerhand zur Gewinnern gekürt. Fotos: dpa/Steffen