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Harte Vorwürfe gegen Filmmogul
Die schmutzige Akte Harvey Weinstein

 Der Hollywood-Produzent Harvey Weinstein ist wegen Belästigungs-Vorwürfen von seinem Filmstudio entlassen worden.
Der Hollywood-Produzent Harvey Weinstein ist wegen Belästigungs-Vorwürfen von seinem Filmstudio entlassen worden. FOTO: dpa / Andrew Gombert
Washington. Die Vorwürfe gegen den Filmmogul entfachen eine Sexismus-Debatte.

Es ist, als wäre ein Damm gebrochen. Nachdem die „New York Times“ enthüllt hatte, wie Harvey Weinstein seine Machtposition ausnutzte, um Frauen zu sexuellen Gefälligkeiten zu nötigen, bricht nun auch die A-Prominenz Hollywoods ihr Schweigen. Während er vom Sockel stürzt, der Filmproduzent, der noch vor Wochen fest auf selbigem thronte, führen die USA eine Debatte über Sexismus am Arbeitsplatz.


Gwyneth Paltrow war 22, als ihr Weinstein eine Rolle antrug, mit der sie in die erste Liga des Kinos aufsteigen würde, die Hauptrolle in der Jane-Austen-Verfilmung „Emma“. Bevor die Dreharbeiten begannen, bat er sie in ein Hotelzimmer in Beverly Hills. Er habe sie angefasst und sie gedrängt, mit ihm für Massagen ins Schlafzimmer zu gehen. „Ich war noch ein Kind, ich stand unter Vertrag, ich war starr vor Angst“, schildert die Schauspielerin ihre Gefühlswelt. Sie habe, so erzählte sie es der New-York-Times-Redakteurin Jodi Kantor, seine Avancen abgewehrt und sich kurz darauf Brad Pitt anvertraut, ihrem damaligen Freund. Der habe den Mann auf einer Party zur Rede gestellt.

Angelina Jolie hat Ende der Neunziger, als ihre Karriere in Fahrt kam, ebenfalls schlechte Erfahrungen mit Weinstein gemacht. Er habe sich ihr in einer Suite auf zudringliche Weise genähert, schreibt sie in einer E-Mail an Kantor. In der Folge habe sie nie wieder mit ihm gearbeitet – und andere gewarnt, wenn sie es getan hätten. Auch die Schauspielerinnen Asia Argento und Rosanna Arquetto werfen Weinstein Nötigung vor.



Während kaum ein Tag vergeht, an dem die Erzählungen über den sexsüchtigen Mogul nicht um eine verstörende Episode ergänzt werden, tritt die Filmbranche resolut die Flucht nach vorn an. Als könne es gar nicht schnell genug gehen, sich zu trennen von einem eben noch Gefeierten, über den Meryl Streep bei einer Preisverleihung mehr oder weniger augenzwinkernd sagte, dass sie „Gott, Harvey Weinstein“ danken wolle. Der Aufsichtsrat der Weinstein Company, des Studios des Entzauberten, hat bereits zwei Werbeagenturen damit beauftragt, einen neuen Firmennamen zu finden. Die Filmfakultät der University of Southern California verzichtet dankend auf eine Fünf-Millionen-Dollar-Schenkung. Weinsteins Ehefrau, die 41-jährige Designerin Georgina Chapman, lässt wissen, dass sie die Scheidung anstrebt. Der sprichwörtliche Fall ins Bodenlose. Und nach Tagen betretenen Schweigens gehen auch jene Politiker auf Distanz, die am meisten von den Spenden des Kinomanns profitierten, der sich als Ratgeber der Demokraten verstand. Barack Obama wie Hillary Clinton haben öffentlich mit dem Mäzen gebrochen.

Aufgewühlt diskutiert Amerika über die Kultur der Traumfabrik, eine Kultur, bei der mächtige Männer älterer Jahrgänge auf junge Frauen treffen, die genau wissen, was für gewaltige Brocken ihnen die Halbgötter in den Weg legen können. Es habe sich angefühlt wie beim Duell Davids gegen Goliath, zitiert der Journalist Ronan Farrow, der Sohn Mia Farrows und Woody Allens, eine von Weinstein belästigte Angestellte. Ein typischer Fall: Als sie zu einem vermeintlichen Arbeitsfrühstück erschien, stand er plötzlich im Bademantel vor ihr. Das Schweigen erkaufte er sich durch eine Vereinbarung, die sie im Tausch gegen eine Dollarsumme verpflichtete, das Geschehene für sich zu behalten. „David gegen Goliath. Da war dieser Kerl mit all seinem Geld, seinen Anwälten“, zitiert Farrow die Frau.

 Die Schauspielerinnen Asia Argento, Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow und Rosanna Arquette (von links) zählen zu Weinsteins Opfern.
Die Schauspielerinnen Asia Argento, Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow und Rosanna Arquette (von links) zählen zu Weinsteins Opfern. FOTO: dpa / Pa