| 10:45 Uhr

Wiedereröffnung nach 20 Jahren
Die einsamste Bar der Welt

Betoota im australischen Outback hat keinen einzigen Einwohner. Jetzt will ein Auswärtiger die Kneipe des kleinsten Dorfs der Welt wiedereröffnen – nach 21 Jahren. Was treibt ihn an? Von Tobias Jochheim

Nach einem Witz von Örtchen haben Australiens beliebteste Satiriker ihr Magazin „Betoota Advocate“ benannt: Betoota zählt null Einwohner und ein einziges Gebäude. Seine besten Tage hatte es schon 1901 hinter sich: die Gründung des Staats Australien machte den Zollposten zwischen den bis dahin landesähnlichen Bundesstaaten überflüssig. Wenig später schlossen die Postkutschenstation sowie die Polizeiwache, und das war es dann.


Seit Jahrzehnten schon ist das Dorf deckungsgleich mit dem sogenannten „Hotel“, einer Kneipe mit Wänden aus Sandstein und Wellblechdach, mit Tanzsaal, Telefonzelle und Tankstelle, Klohäuschen, Flugzeuglandebahn und Cricket-Feld. 44 Jahre lang hatte es der polnische Exilant Ziegmund Remienko bewirtschaftet, aber 1997 hatte der Antialkoholiker genug davon, hinter dem Tresen zu stehen. Von einem auf den anderen Tag machte er zu, ohne aber selbst wegzugehen. „Hier wurden Hochzeiten und andere große Partys gefeiert“, betonte er. „Das hier ist ein guter Ort.“

Als der kauzige Junggeselle 2004 starb, begruben ihn seine ehemaligen Kunden hinter dem Haus, auf seinen Grabstein schrieben sie neben Geburts- und Sterbedatum auch „Wirt in Betoota 1959-1997“ sowie „Outback-Legende“.



Die Kneipe ist Oase, Hafen, Trutzburg

Mit dem Wirt starb das Sozialleben im Umkreis von vierhundert Kilometern. Doch Robert Haken (56) ist entschlossen, das zu ändern. Dabei stammt er nicht einmal aus dieser Ecke des Outback, der riesigen Wüste im Herzen des Kontinents. Seine Farm und eine Autowerkstatt betreibt er mehr als 15 Autostunden entfernt. Doch Haken hat viele schöne Erinnerungen an die Kneipe, die viel mehr ist als bloß das: Eine Oase nämlich. Ein Hafen im endlosen Meer aus Staub und Steinen. Eine Trutzburg gegen die Hitze und die Sandstürme. Ein Lädchen, das zweitens Getränke verkauft und erstens Geselligkeit, eine Beinahe-Garantie für eine gute Zeit. Ein Ort des Feierabends statt der sonst allgegenwärtigen Knochenarbeit. Wo viel getrunken wird, aber noch mehr getanzt und geflirtet, geblödelt und gelacht. Wo gefeiert wird, getrauert und geflucht, sich geschlagen und wieder vertragen, also: gelebt. An einem der lebensfeindlichsten Orte überhaupt.

Als er das inzwischen arg verkommene Gebäude sah, mit Grafitti beschmiert, sowohl Zapfsäule als auch Telefonzelle längst demoliert, überkam Haken eine Art von Vatergefühl. „Ich dachte: ‚Der arme alte Pub!‘.“ Also versuchte er, das Gebäude den neuen Eigentümern abzuschwatzen, die ohnehin nichts damit anzufangen wussten. Nach ungezählten Überredungsversuchen gaben Remienkos Erben kurz vor Weihnachten nach.

Hakens Euphorie ist auch acht Monate später ungebrochen. Neue Wassertanks sind installiert, eine neue Theke sowieso, Zapfsäule und Werkstatt sowie Betten für Übernachtungsgäste sollen dazukommen. Haken setzt darauf, im Winterhalbjahr Umsatz machen zu können, vor allem rund um das berühmte Wüsten-Pferderennen am letzten Samstag im August.

Leben in Fülle, mitten in der Wüste

Eine Schanklizenz allerdings wird „Robbo“, wie ihn hier alle nennen, bis nächste Woche wohl nicht erhalten. Ihr Bier müssen die Besucher also wohl oder übel selbst mitbringen. Und mit ein paar Paletten wird das nicht getan sein. In dem Buch „It‘s all about Australia, Mate“ heißt es: „Die meisten Besucher der Pferderennen interessieren sich überhaupt nicht für Pferde. Sie trinken bloß gern.“ Ein Outback-Pub verkauft dem Autor Denis Gregory zufolge an einem Renn-Wochenende schonmal 80.000 Dosen Bier. Zu fortgeschrittener Stunde lasse sich mancher Gast dann unter allgemeinem Gejohle beispielsweise dazu hinreißen, „einen Handstand auf dem Schornstein des Hauses“ zu vollführen, und zwar splitternackt.

Dieses Leben in Fülle will Haken in die Wüste zurückbringen.

„Die Reaktion aller Leute in der ganzen Gegend war absolut astronomisch!“, freut sich Haken, der davon träumt, das Wrack des Doppeldeckerbusses im Hinterhof zu einem Abenteuerspielplatz umzubauen. „Vom Baumarktbesitzer bis zur Bäckerin: Alle wollen uns helfen.“ Zehn Tage hat er neulich mit Freunden in dem Haus verbracht. „Viele sind hunderte Kilometer weit gefahren, bloß um mit eigenen Augen zu sehen, wie wir bei 50 Grad mit unserem Werkzeug aufkreuzten.“

„Im Vollrausch habe ich alle Barhocker geklaut...“

Auf der Facebook-Seite des Pubs heizt Haken die Vorfreude an: „Staubt eure Tanzschuhe ab, der Tanzsaal wird zu neuem Leben erweckt!“ Viele der bereits 2000 Fans schwelgen in nostalgischen Erinnerungen an die Institution.

Eine Marta Laskowski schreibt: „In den frühen Siebzigern habe ich dort mal eine Nacht mit meinen Eltern verbracht!“ Ein Andy Brett beichtet: „Eines Samstagsnachts habe ich dem guten Ziggy im Vollrausch alle Barhocker geklaut, nachdem er ins Bett gegangen war. Erst am nächsten Morgen brachte ich sie zurück – zum Glück fand er die Aktion witzig...“ Die Sache hätte offenbar auch anderes ausgehen können.

Ein Ted Junter erinnert daran, dass der Wirt auch des Öfteren mal seine Pistole gezogen habe – „aber die Idioten, die dann große Augen gemacht haben, werden es wohl verdient haben...“

Ein echt australisches Schelmenstück

Bek Stodart (36) freut sich noch heute wie eine Schneekönigin, wenn sie von der Schnapsidee erzählt, die sie 2014 zum 40. Geburtstag ihres Mannes Dylan hatte: Die anstehende Party sollte nirgendwo anders steigen als in dem legendären Pub. „Abgeschlossen war er nicht, man konnte einfach hereinspazieren.“ Hinter dem Tresen standen noch reihenweise Champagnerflaschen, völlig eingestaubt. „Wasser oder Strom gab es aber natürlich nicht. Also hat sich mein Mann vor der Party eine knappe Woche Zeit genommen, um dort aufzuräumen und zu putzen. Er hatte einen Heidenspaß dabei, den Pub für einen Abend wiederzueröffnen.“ Dylan und Bek organisierten Bier vom Fass und eine Live-Band, selbst eine Diskokugel zogen sie unter die Decke.

„Ziggy“ hätte das Schelmenstück gefallen, da ist sich das Ehepaar sicher, zumal es nicht irgendjemand durchzog; Dylan hatte selbst einmal einen Pub betrieben, 300 Kilometer südlich, also gleich nebenan. Rund 200 Freunde und Verwandte aus halb Australien ließen sich das Ereignis nicht nehmen. „Sie hielten uns natürlich für bekloppt“, sagt Stodart. „Aber diesen Abend werden sie bis an ihr Lebensende nicht vergessen!“

Dass das „Hotel“ nun auch offiziell wieder eröffnen wird, freut die beiden ungemein. Zwar sei die Herausforderung groß, ohne Wasser- und Stromanschluss. Doch gerade deshalb: „Klasse, dass die Jungs das versuchen!“ Die bunte Truppe führe eine sehr alte Tradition fort, betont der Historiker Mark Hailwood von der Universität Bristol. „Auch die ersten Pubs im mittelalterlichen Europa wurden an abgelegenen Orten eröffnet, um müde Reisende zu erfrischen.“

Gegröle und Gelächter gegen Einsamkeit, Stille, Trauer

Vor 30 Jahren hatte der Charakterkopf Remienko erst Haken selbst und dann seinen Wagen betankt. „Plötzlich tauchte irgendein Idiot auf und motzte, wir sollten uns gefälligst beeilen. Daraufhin machte Ziegmund absichtlich langsam und kassierte in aller Seelenruhe bei mir ab. Den Typen nach mir bediente er schließlich auch noch – aber erst, nachdem er den Benzinpreis um 20 oder 30 Cent pro Liter erhöht hatte.“ Er selbst werde sich gastfreundlicher zeigen als sein Amtsvorgänger, verspricht Haken. „Falls nicht, würden mich die Gäste aber wohl auch hängen!“

Doch Haken hat auch eine Gemeinsamkeit mit Remienko, derer er selbst sich vielleicht gar nicht bewusst ist: Die Rolle als Herbergsvater erfüllt beide wohl auch mit der Hoffnung, dass die Einsamkeit nicht zu groß und die Stille nicht zu drückend wird. Dass das Geplapper und Gesinge, Gegröle und Gelächter der Gäste ihnen hilft, mit den Tragödien umzugehen, die sie erlitten haben. Remienko hat im Zweiten Weltkrieg Dinge durchgemacht, von denen er nicht ein Mal gesprochen hat, die aber keiner seiner Verwandten und Freunde überlebt hat. Haken berichtet: „Er hat das Gebäude teils gestaltet wie ein Konzentrationslager; überall waren Zäune mit Stacheldraht, bis hin zum Klohäuschen.“ Den neuen Wirt quält ein anderes Schicksal: Bei einem Quad-Unfall hat er 2013 einen seiner Söhne verloren. Gus Haken war übermüdet und hatte Restalkohol im Blut; er wurde nur 21 Jahre alt.

Wirte sind oft auch Beichtväter. Retter sowieso, wenn sie ihren Gästen neben zwei offenen Ohren eben nicht noch ein Bierglas leihen, sondern ein Bett. Und ihnen damit vielleicht das Leben retten. Am glücklichsten von allen, sagt Haken, sei über sein Vorhaben die Polizei.