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Deutsches Gedächtnis ruht im Berg

Oberried. Im Schwarzwald-Berg Schauinsland liegt das Gedächtnis Deutschlands: 400 Meter unter der Erde befindet sich das größte Langzeitarchiv Europas. In einem ehemaligen Bergwerksstollen bei Oberried lagern 902 Millionen auf Mikrofilm gebannte Kopien historischer Dokumente. Verpackt in 1430 luftdicht gesicherten Edelstahlfässern Von dpa-Mitarbeiter Jürgen Ruf

Oberried. Im Schwarzwald-Berg Schauinsland liegt das Gedächtnis Deutschlands: 400 Meter unter der Erde befindet sich das größte Langzeitarchiv Europas. In einem ehemaligen Bergwerksstollen bei Oberried lagern 902 Millionen auf Mikrofilm gebannte Kopien historischer Dokumente. Verpackt in 1430 luftdicht gesicherten Edelstahlfässern. Gestern ist das Archiv um 50 Fässer und somit 32 Millionen Aufnahmen erweitert worden.


"Die deutsche Geschichte ruht in diesem Stollen. Derart sicher, dass sie der Nachwelt erhalten bleibt", sagt Martin Luchterhandt. Der 46 Jahre alte Oberarchivrat ist verantwortlich für das Einlagern der Mikrofilme, die deutsches Kulturgut abbilden. Die "unter Tage" gelagerten Aufnahmen zeigen Dokumente, die im Original in deutschen Archiven verwahrt werden. Das Ziel: Sollten Unikate zerstört werden, bleiben zumindest die Kopien der Nachwelt erhalten.

"Wir hüten einen Schatz mit immensem Wert", sagt Luchterhandt. Im Stollen gelagert werden Dokumente, die "eine hohe nationale oder kulturhistorische Bedeutung" haben. Zu ihnen zählen die Krönungsurkunde Otto des Großen aus dem Jahr 936, der Vertragstext des Westfälischen Friedens (1648) oder Handschriften des Komponisten Johann Sebastian Bach. In den Gängen des früheren Silberbergwerksstollen sind sie vor Zerstörung durch Krieg, Unwetter, Unglücke oder Sabotage sicher. Die Edelstahlfässer, in denen die Filme untergebracht werden, sind hermetisch abgeschlossen. Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Stollen sind stets gleichbleibend. "Wärmer oder kälter als zehn Grad wird es hier nie", sagt Ingenieur Dietrich Hofmaier. Der 74-Jährige hat das Archiv aufgebaut. "Die Filme können im Stollen mindestens 500 Jahre überdauern", so Hofmaier. Jedes Jahr stellt die Bundesregierung für die Sicherungsverfilmung von Archivgut drei Millionen Euro bereit.



Weil die "Haager Konvention" den Stollen schützt, gilt höchste Sicherheitsstufe. Das ist weltweit eine Ausnahme. Nur noch der Vatikan und das Reichsmuseum in Amsterdam genießen einen ähnlichen Schutz. Militärflugzeuge dürfen den Stollen nicht überfliegen. Zugang haben nur wenige.

Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs Anfang März habe "deutlich gemacht, wie wichtig der Schutz von Kulturgütern auch in Friedenszeiten sein kann", sagt Christoph Unger, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das das Archiv betriebt. 6369 Filme aus Köln sind im Stollen eingelagert, das sind rund zehn Millionen Einzelaufnahmen. "Somit bleibt zumindest ein Teil des Kölner Archivbestands dem kollektiven menschlichen Kulturgedächtnis erhalten."