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Der verzweifelte Kampf um Italiens Oliven

Lecce. Einige stehen seit Jahrhunderten, doch jetzt müssen sie wegen einer Plage gefällt werden – tausenden Olivenbäumen in Italien droht dieses Schicksal. Die italienische Staatsanwaltschaft sucht nach Schuldigen. Julius Müller-Meiningen

Es klingt so, als herrsche Krieg. "Xylella rückt vor. Es hat Lecce längst hinter sich gelassen", sagt Pantaleo Piccinno. "Bald wird es die Gegend um Brindisi angreifen." Hinter dem Namen Xylella fastidiosa versteckt sich aber keine Kriegswaffe, sondern das so genannte Feuerbakterium. Es befällt aktuell mindestens eine Million Olivenbäume in Süditalien - eine Umweltkatastrophe.

Pantaleo Picinno ist Präsident des Landwirtschaftsverbandes der Provinz Lecce in Apulien. Die Gegend, der Absatz des italienischen Stiefels, erlebt gerade einen Albtraum. Bislang gibt es kein Heilmittel gegen den gefährlichen Krankheitserreger. Deshalb forderte vor Wochen die Europäische Kommission die Abholzung aller befallenen Bäume . Nun müssen ganze Haine, über tausendjährige, verknorpelte und geschwungene Olivenbäume weichen. Zudem ist die Existenz von 7500 Olivenbauern bedroht.

Nach Schätzungen sind bereits eine Million Bäume unheilbar erkrankt. Das von Insekten übertragene Bakterium führt zur Austrocknung und zum Absterben der Pflanzen. Insgesamt bis zu zehn Millionen Olivenbäume im Salento könnten betroffen sind. Der von der Regierung berufene Sonderkommissar für den Notstand, Giuseppe Silletti, hat den Befehl zur Abholzung gegeben. "Die Situation ist dramatisch", sagt er. Silletti hat in Zusammenarbeit mit dem italienischen Katastrophenschutz eine 15 Kilometer breite Pufferzone vom Ionischen Meer bis zur Adria einrichten lassen, in der nun systematisch gefällt und entwurzelt wird. Außerdem muss das Gras in der gesamten Gegend geschnitten, der Boden umgepflügt und massenhaft Pestizide gespritzt werden.

Die europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit Efsa stellte bereits im Januar über den Xylella-Fall in Süditalien fest: "Eine Ausbreitung in der EU ist sehr wahrscheinlich."

Der Erreger wird im Salento durch die Wiesenschaumzikade von Pflanze zu Pflanze übertragen. Die Olivenanbau-Regionen Kampanien, Latium, Umbrien und Toskana sind alarmiert. Auch Griechenland, Spanien und Portugal müssen eine Ausbreitung des für die Pflanzen tödlichen Bakteriums fürchten.

Die Staatsanwaltschaft Lecce ermittelt gegen Unbekannt und prüft, ob alle Maßnahmen zur Eingrenzung des Bakteriums unternommen worden sind. Unklarheit besteht über die Einfuhr nach Süditalien . Eine der Thesen ist, dass mit dem Bakterium infizierte Zierpflanzen über niederländische Importeure aus Costa Rica nach Apulien gelangt sind.

Die Ermittler interessieren sich aber auch für einen wissenschaftlichen Workshop 2010 in der Nähe von Bari, bei dem das Xyllela-Bakterium, das Wissenschaftlern zufolge die Eigenschaften einer biologischen Waffe hat, zu Forschungszwecken eingeführt werden durfte. Umweltschützer und das von Staatsanwälten vertretene Observatorium der Landwirtschafts-Kriminalität vermuten Interessen hinter der Plage. So habe die Tourismus-Industrie schon seit langem Appetit auf die von den Olivenbäumen besetzten Landstriche.