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Autorin Sheila Heti löst Debatte aus
Sollen wir für den Klimaschutz auf Kinder verzichten?

 Der lange Schatten einer Familie im Sommer. (Symbol)
Der lange Schatten einer Familie im Sommer. (Symbol) FOTO: dpa / Matthias Hiekel
Frauen, die sich gegen Kinder entscheiden, fühlen sich häufig unter Rechtfertigungsdruck. Jetzt geht eine Lehrerin in die Offensive: Sie propagiert den Verzicht auf Kinder – auch aus Umweltgründen. Von Dorothee Krings

Eine Frau entscheidet sich gegen Kinder und schreibt darüber ein Buch. Darin führt sie nicht nur ihre persönlichen Gründe dafür an, sich gegen Mutterschaft entschieden zu haben. Sie hält diesen Entschluss für einen Akt der Befreiung, für eine emanzipatorische Tat zum Wohl der Frauen, der Umwelt, des Planeten und wünscht sich Nachahmerinnen. Darum formuliert sie ihre Betrachtungen als Manifest, mischt gesellschaftliche Analyse mit polemischen Anekdoten aus dem eigenen Leben. Sie erzählt von Müttern, die mit Beginn der Schwangerschaft kein anderes Thema mehr kennen und Nicht-Müttern mit Wird-schon-noch-Blick die eigenen Babys auf den Schoß setzen. Verena Brunschweiger stellt dem dominanten Bild vom Kinderglück eine radikal negative Betrachtung entgegen. Für sie kosten Kinder vor allem Ressourcen: Sie verbrauchen Rohstoffe, kosten Eltern – die Mütter vor allem – Zeit und Energie, die sie sinnvoller für die Allgemeinheit verwenden könnten. Oder ihre Karriere. Oder für Kinder, die schon auf der Welt sind. Und Hilfe brauchen.


Nun kann man sich darüber erregen, dass eine kinderlose Lehrerin den Rohstoff-Verbrauch von Kindern ausrechnet und kämpferisch einfordert, „kinderfrei“ statt „kinderlos“ genannt zu werden. Natürlich provoziert das Reflexe, vor allem von Frauen, die sich für Kinder entschieden haben und das ihrerseits für den einzig vertretbaren Weg halten. Aber damit wäre nur die nächste Runde im alten Hoheitskampf der Lebensstile eröffnet. Der Entschluss für eine bestimmte Lebensweise scheint immer gleich Kritik an anderen Lebensweisen zu beinhalten. Auch Brunschweiger verfährt nach diesem Muster, reklamiert zwar für sich, nicht dafür angefeindet werden zu wollen, dass sie keine Kinder bekommt, greift aber jene an, die sich für Kinder entscheiden. Sie will sich nicht diktieren lassen, die Entscheidung gegen ein Kind als Mangel sehen zu müssen, legt aber ihrerseits fest, dass ein Leben ohne Kind wahre Freiheit bedeute. Und schon stehen in der Öffentlichkeit wieder Frauen im Ring, schlagen einander ihre Lebensmodelle um die Ohren, suchen nach Gründen, warum der eigene Entschluss besser sei als das verfehlte Leben der anderen. Die Argumente sind bekannt, der Furor ist beachtlich.

Derlei Kontroversen führen nicht weiter. Wohin auch: zu Gebärzwang, Gebärverbot? Die Diskussion zeigt allerdings, unter welchem Rechtfertigungsdruck Frauen noch immer stehen. Auch vor sich selbst. Denn dieser Druck sorgt ja dafür, dass sie so verbissen auf alternative Entscheidungen reagieren. Als stellte jede kinderlose Frau eine mit Kind in Frage. Und umgekehrt.



Tatsächlich ist es bisher für kaum eine Frau eine vom Druck der Normen befreite Entscheidung, ob sie Mutter werden will oder nicht. Frauen werden bewertet, beeinflusst, im Zweifel beschimpft – von Männern und von anderen Frauen. Und, da hat Brunschweiger recht, gesellschaftliche Erwartungen und Verurteilungen treffen vor allem Frauen, die sich gegen Mutterschaft entscheiden. Nachkommenschaft ist eine Zukunftsfrage, die die gesamte Gesellschaft betrifft. Also fühlt sich auch jeder berufen, seine Vorstellung zu propagieren. Und oft genug jene herabzuwürdigen, die sich durch ihre persönlichen Entscheidungen nicht ins jeweilige Weltbild fügen wollen. Also wird die Frage nach der Mutterschaft überhöht, wird so getan, als hinge davon das Heil der einzelnen Frau wie das der Welt ab.

Die kanadische Autorin Sheila Heti glaubt, dass die Norm der Mutterschaft so mächtig ist, weil Frauen nicht als Selbstzweck existieren dürfen. Eine nicht mit Kindern beschäftigte Frau stelle für viele eine Bedrohung dar. Und das, was Frauen tun, wenn sie keine Kinder großziehen, gelte als geringerwertig. Wer keine Kinder wolle, müsse immer genau sagen, was er stattdessen plane – und es müsse mindestens etwas Großartiges sein. Sonst träfen die Frauen mitleidige Blicke oder die Drohung, sie würden ihre Entscheidung später bereuen. Heti glaubt, die Mutterschaft habe so lange zum Bild der Frau dazugehört, dass andere Rollen nicht als gleichwertig akzeptiert würden. Selbst von Frauen nicht. Letztlich seien sie noch immer der Kanal, um Männer auf die Welt zu bringen. Ein Mittel zum Zweck also – und darüber lässt sich verfügen.

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Heti formuliert ihre Überlegungen in „Mutterschaft“ allerdings nicht im Überzeugungston des Manifests. Ihr Buch ist radikal persönlich, eine intime Innenschau voller Selbstzweifel, aber auch voller Beobachtungen, die entlarven, wie Frauen mit der Angst vor dem verpassten Mutterglück gedroht wird. Und wie sie damit ringen.

Heti quält sich selbst mit der Kinderfrage. Sie fühlt sich einerseits nicht in der Lage, die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, fürchtet andererseits, sich etwas Urmenschlichem zu verweigern, aus dem Fluss des Lebens auszusteigen. Das Grübeln treibt sie in den Wahnsinn. Als Kunstgriff wirft Heti chinesische Wahrsagungssteine, stellt dem Schicksal Fragen wie: Soll man einfach nur der Erfahrung wegen Mutter werden? Tut man es für das Nicht-Publikum, das Gott heißt? Wird eine Frau, die das Allerwichtigste ablehnt, damit zur unwichtigsten Frau? Das Erhellende an Hetis Buch ist, dass sie keine Vorwürfe erhebt, andere Frauen nicht herabwürdigt, sondern das gesamte Dilemma offenbart, in das die Frage nach der Mutterschaft Frauen führen kann. Schließlich verkörpern Kinder Lebenssinn. Sie geben ihren Eltern die existenzielle Bestätigung, nötig zu sein. Ein Gefühl, das heute rar geworden ist. Auf der anderen Seite kosten Kinder natürlich Zeit. Eine Schriftstellerin wie Heti wird, wenn sie sich für Kinder entscheidet, anders weiterarbeiten müssen. Anders, nicht besser oder schlechter.