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Oper aus dem Kopf

Mojca Erdmann gibt eine intensive Proserpina, stimmlich wie schauspielerisch. Foto: Martina Pipprich
Mojca Erdmann gibt eine intensive Proserpina, stimmlich wie schauspielerisch. Foto: Martina Pipprich
Schwetzingen. Es gibt wohl einfachere Stoffe für eine Oper als just Goethes knappes Monodram "Proserpina". Ihr Innerstes enthüllt die Tochter Jupiters da. Von Pluto ins Totenreich entführt, fleht sie, schreit sie, beklagt sie ihr Los. Ihre Ahnungen und Ängste treiben sie um Von SZ-Redakteur Oliver Schwambach

Schwetzingen. Es gibt wohl einfachere Stoffe für eine Oper als just Goethes knappes Monodram "Proserpina". Ihr Innerstes enthüllt die Tochter Jupiters da. Von Pluto ins Totenreich entführt, fleht sie, schreit sie, beklagt sie ihr Los. Ihre Ahnungen und Ängste treiben sie um. Ein furioses Gedankengewitter, ein innerer Monolog einer ins Alleinsein Gestoßenen, der ans Äußerste, ans Existenzielle geht. Kaum unterbrochen mal von den Einwürfen der Parzen, der Schicksalgöttinnen. Handlung aber fehlt da fast völlig. Alles spielt sich im Grunde in Proserpinas Kopf ab. Außer, dass sie in einen Granatapfel beißt - und damit ihr Schicksal besiegelt. Denn nüchtern, so will es ein göttlicher Ratschluss, hätte sie bleiben müssen, dann hätte sie noch zurückkehren dürfen. So aber hat sie ihre Chance verwirkt. Sie muss im Reich des Dunkels, der Erinnerung, der Toten bleiben. Als deren Königin. Wolfgang Rihm, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten, hat dieser Stoff trotz seiner Komplexität, seiner Verschlossenheit gereizt. Vielmehr genau deswegen. Ohnehin schürft der 57-Jährige musikalisch gern im mythischen "Urgrund". Der Karlsruher Komponist reichert Goethes Bedeutungsschichten nun munter weiter an. Macht aber auch manches klarer. Der Biss in den Granatapfel etwa: Nun ist es ein sexueller Moment. Proserpina wird Frau - wohlig stöhnend besungen in der Partitur für Sopran und unsichtbaren Frauenchor (das exzellente Vokalensemble des SWR). "Ein weiblicher Klang", sollte es laut Rihm ohnehin werden. Wohl auch als Kontrast, als Gegengift zum männlich verfügten, männlich gesehenen Schicksal Proserpinas. Pluto, Jupiter etwa, aber auch den Part der Parzen weist Regisseur Hans Neuenfels denn auf der Bühne des Schwetzinger Rokokotheaters drei Männern, drei hervorragenden Tänzern zu (Christian Natter, Andreas Jähnert und Sascha Jähnert). Die so pervers-brutal Schicksal spielen wie Alex' Gang in "Clockwork Orange" (Elina Schnitzler hat sie denn ähnlich ausstaffiert wie in Kubricks Meisterwerk). Diese drei sind Proserpinas Fleisch gewordene Albträume, aber auch Sehnsüchte. Gedankenbilder - projiziert auf eine graue, klinisch kalte Bühne, die Kreißsaal oder Totenhaus sein könnte, Leben und Sterben, Eros und Thanatos: Alles liegt hier beieinander, verschränkt Neuenfels zu teils beklemmenden Bildern: Proserpinas Unterweltthron ist ein gynäkologischer Untersuchungsstuhl, der einem Marterinstrument gleicht. Rihm nun kommt ohne neutönerische Mätzchen aus. Das exzellente Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart unter Jonathan Stockhammers Leitung kann zu klassischem Instrumentarium greifen: Streicher, viele Holzbläser. Richard Strauss, auch der frühe Schönberg sind Fixsterne dieses musikalischen Kosmos mit einer Sternschnuppe Mozart: Die "Königin der Nacht"-Arie wirkt Rihm ebenfalls gewitzt hinein. So grausam Proserpinas Schicksal denn ist, so klangsinnlich erzählt Rihm davon. Vor allem aber hat er für eine überragende Sängerin und auch Darstellerin, die junge Sopranistin Mojca Erdmann, diese gut einstündige, hoch anspruchsvolle wie expressive Partie geschrieben. Für sie und vor allem dank ihr ist es ein wirklich großer Auftritt.



Die Festspiele dauern bis 13. Juni. Am 5. Mai ist noch einmal "Proserpina" zu sehen. Ab 21. Mai: Händels Oper "Ezio". Ein Komponistenporträt von Jörg Widmann ist einer der zentralen Punkte im anspruchsvollen Programm.

Im Internet: www.schwetzinger-festspiele.de

Mojca Erdmann gibt eine intensive Proserpina, stimmlich wie schauspielerisch. Foto: Martina Pipprich
Mojca Erdmann gibt eine intensive Proserpina, stimmlich wie schauspielerisch. Foto: Martina Pipprich