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"Ohne Karstadt geht vieles kaputt"

Saarbrücken. Die Geschäftsführerin von Karstadt-Saarbrücken, Silke Neumann Radziszewski, geht in die Offensive. "Wenn wir nicht mehr da sind, werden viele andere Unternehmen in Saarbrücken und im Saarland erkranken. Das wird wie ein Dominoeffekt werden", prognostizierte die Karstadt-Geschäftsführerin gestern im Gespräch mit unserer Zeitung Von SZ-Redakteur Thomas Sponticcia

Saarbrücken. Die Geschäftsführerin von Karstadt-Saarbrücken, Silke Neumann Radziszewski, geht in die Offensive. "Wenn wir nicht mehr da sind, werden viele andere Unternehmen in Saarbrücken und im Saarland erkranken. Das wird wie ein Dominoeffekt werden", prognostizierte die Karstadt-Geschäftsführerin gestern im Gespräch mit unserer Zeitung.Es treffe dann nicht nur zahlreiche mittelständische Betriebe in der Landeshauptstadt im Umfeld von Karstadt, sondern auch zahlreicher Zuliefer-Betriebe. Karstadt sei bundesweit mit mehr als 20 000 Lieferanten in einem engmaschigen Logistiknetz verbunden.Karstadt Saarbrücken ziehe jährlich 4,5 Millionen Besucher aus dem Saarland, Lothringen und Luxemburg an, alleine über 30 Prozent Franzosen, schreibe schwarze Zahlen, stehe in der Rangfolge bundesweit auf Platz 19 von 81 Karstadt-Warenhäusern und habe 2008 rund zwei Millionen Euro für die Modernisierung des Hauses in die Hand genommen. So sei unter anderem der Bereich Mode und Wohnen deutlich ausgebaut worden. Man habe zusätzliche Markenshops integriert und die Lebensmittelabteilung umgebaut. Als nächstes komme der Bereich Schmuck hinzu. Das Konzept des Großkaufhauses mit zahlreichen Abteilungen und Angeboten habe weiter Zukunft, ist Neumann Radziszewski überzeugt. Neue Trends würden stets aufgenommen und möglichst umgesetzt.Auch die Umsatzentwicklung verlaufe stabil. 2009 werde voraussichtlich das gleiche Ergebnis erzielt wie 2008. Damit könne man zufrieden sein, zumal das Saarland bundesweit mit am stärksten von Kurzarbeit betroffen sei. Nähere Einzelheiten zum Umsatz nennt das Unternehmen grundätzlich nicht. Neumann Radziszewski und Karstadt-Betriebsratschef Wolfgang Rinder sind angesichts der laufenden Modernisierungen und Investitionen davon überzeugt, dass eine Staatsbürgschaft zur Überbrückung von Zahlungsschwierigkeiten des Handelskonzerns Arcandor, zu dem die Karstadt-Häuser gehören, gerechtfertigt ist. "Wir wollen nichts geschenkt haben. Und wir erfüllen die strengen Kriterien für eine Staatsbürgschaft", so die Karstadt-Geschäftsführerin. Die Wirtschaftskrise habe viele Banken in starke Turbulenzen gezogen. Deshalb sei es für Karstadt derzeit nicht möglich, benötigte Kredite für Modernisierungen zu bekommen.Nun drängt die Zeit, da Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick am Wochenende erklärt hatte: "Ohne Bürgschaft ist für Karstadt am 12. Juni Schluss." Benötigt werde für die Karstadt-Häuser eine Bürgschaft von 650 Millionen Euro, da eine Kreditlinie ausläuft. Außerdem will der Arcandor-Konzern einen 200 Millionen Euro Kredit von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).In Saarbrücken haben Geschäftsführung und Betriebsrat bereits um Unterstützung geworben. Nach einem Gespräch von Geschäftsführerin Neumann Radziszewski mit Oberbürgermeisterin Charlotte Britz hat diese in einem Schreiben Ministerpräsident Peter Müller (CDU) und den SPD-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück um Hilfe für den Erhalt des Standorts, an dem Karstadt seit 38 Jahren vertreten ist, gebeten. Ein Zusammenbruch des Konzerns Arcandor "würde nicht nur wichtige Arbeitsplätze in Saarbrücken vernichten. Er hätte auch erhebliche negative Folgen für die Innenstadtentwicklung", so Britz.Betriebsrat Rinder habe in einem Gespräch mit Wirtschaftsminister Joachim Rippel (CDU) bereits dessen Unterstützung zugesagt bekommen. Am Donnerstag folgt ein Gespräch mit SPD-Chef Heiko Maas. Am Freitag wollen Geschäftsführung, Betriebsrat und Mitarbeiter vor der Filiale mit Info-Ständen um weitere Solidarität im Kampf um den Erhalt des Standortes werben. Meinung


Modernes Konzept hilft

Von SZ-RedakteurThomas Sponticcia Erst Opel, heute Arcandor, wer morgen? Immer mehr Unternehmen rufen nach Staatshilfe. Dieser lässt sich auf ein hohes Risiko ein, zumal immer mehr Branchen in Schieflage geraten. Dennoch muss jeweils sehr genau geprüft werden. Auch im Fall Arcandor mit den Karstadt-Häusern. Zumal im Fall Karstadt wesentlich mehr Mitarbeiter betroffen sind als bei Opel. Was ist zu tun? Arcandor muss aufzeigen, dass eine Bürgschaft verlässlich zurückgezahlt werden kann. Und beweisen, dass die Karstadt-Häuser über ein modernes Konzept verfügen, neue Trends aufgreifen, investieren. Zudem müssen die Geschäftsführungen vor Ort mit ihren Mitarbeitern und dem Betriebsrat auf die Kunden zugehen, in Gesprächen und Unterschriften-Aktionen um Solidarität werben, auch in der Politik. Dann wächst vielleicht noch die Hilfsbereitschaft.