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Wohnungslose Mütter mit Kind
Letzte Zuflucht vor dem Leben auf der Straße

Immer mehr alleinerziehende Mütter und ihre Kinder haben in Deutschland keine Unterkunft. Viele suchen in der Düsseldorfer Obdachlosenhilfe Zuflucht. Die Diakonie hat eine Wohnung speziell für sie gekauft - doch der Platz reicht längst nicht aus. Susanne Hamann, Düsseldorf

Immer mehr alleinerziehende Mütter und ihre Kinder haben in Deutschland keine Unterkunft. Viele suchen in der Düsseldorfer Obdachlosenhilfe Zuflucht. Die Diakonie hat eine Wohnung speziell für sie gekauft - doch der Platz reicht längst nicht aus.


Als ihr Sohn auf die Welt kommt, hat Marina Ionel nichts. Keine Wohnung, keinen Job, keine Freunde, kein Geld. Nur das, was sie in einen großen und einen kleinen Koffer stopfen konnte. Der Rest ihres Lebens ist in der Wohnung ihrer Mutter in Moldawien geblieben. Und bei dem deutschen Mann, der sie geschwängert hat.

Ionel gehört zu der wachsenden Zahl alleinerziehender Mütter mit Kind, die in Deutschland leben, aber keine Wohnung haben. Wie viele Betroffene es bundesweit gibt, ist unklar. Bekannt ist aber, dass die Zahl wohnungsloser Kinder mit 29.000 so hoch ist wie nie. Weil auch die sozialen Einrichtungen in Düsseldorf einen Anstieg von hilfesuchenden Müttern mit Kind verzeichnen, gibt es hier seit einem Jahr eine speziell für diesen Zweck gekaufte Wohnung. Bis zu zehn Menschen können im Mutter-Kind-Projekt der Diakonie in Düsseltal gleichzeitig übernachten. Wenn die Kinder bei den Müttern im Bett schlafen, auch mal mehr. Aber schon nach dem ersten Jahr ist klar: Der Platz reicht längst nicht aus.



Übergangswohnung wurde zum Zuhause

Ionel ist eine von den Frauen, die Glück hatte. Als sie im siebten Monat schwanger ist und nicht weiß wohin, gibt es in dem Wohnprojekt einen Platz für sie. "Ich habe damals bei einer russischen Familie gewohnt und die Großeltern gepflegt. Als das wegen der Schwangerschaft nicht mehr ging, haben sie bei der Diakonie angerufen und gefragt, ob sie mich aufnehmen können", sagt die 25-Jährige. Das war im Dezember 2015.

Heute sitzt Ionel mit ihrem zehn Monate alten Sohn Brian in der Küche der Diakonie-Wohnung. Eigentlich darf es nicht so sein, aber die Übergangswohnung ist zu ihrem zu Hause, die beiden zuständigen Sozialarbeiterinnen sind zu einer Ersatzfamilie geworden.

Von außen ist das Wohnungsprojekt nicht als solches erkennbar. Lediglich der Name "Diakonie" auf dem Klingelschild zeigt, dass hier etwas anders ist als im Rest des Mehrfamilienhauses. Die Wohnung ist spartanisch eingerichtet. Auf 110 Quadratmetern gibt es vier Zimmer, ein Bad, eine Küche und einen Balkon. Die Wände sind kahl, die Zimmer nur mit dem Nötigsten eingerichtet: Zwei Holzbetten, ein Schrank, ein Tisch. Deko gibt es keine. Kleider, Koffer, ein paar Spielsachen und Süßigkeiten - das sind die einzigen Habseligkeiten der Bewohnerinnen. Trotzdem wird jedes Zimmer abgesperrt, wenn niemand zu Hause ist. Zum Schutz des wenigen Hab und Guts und des letzten bisschens Privatsphäre.

Von der "großen Liebe" sitzengelassen

Wie die meisten, die hierher kommen, spricht auch Ionel kein Deutsch. Russisch versteht sie und natürlich ihre Muttersprache Rumänisch. Ihre Geschichte erzählt sie auf gebrochenem Englisch. "Meine Mutter arbeitet jedes Jahr drei Monate in Deutschland als Pflegerin. Vor einem Jahr habe ich sie besucht und dabei einen Mann kennengelernt." Er ist damals 34, Deutscher, Informatiker und ihm gefällt Ionel. Gut genug jedenfalls, um mit ihr in Kontakt zu bleiben, als sie wieder nach Moldawien zurück muss. Die beiden chatten, mailen, telefonieren, besuchen sich gegenseitig. Schnell sprechen sie von Liebe, vom Heiraten. Davon, dass man jetzt ein Kind planen sollte. Ionel ist sich sicher, das ist die große Liebe, und zieht zu ihm nach Deutschland.

Aber plötzlich ist er anders. Es gibt wieder und wieder Streit, bis sie ihre Koffer packt und geht. Aufhalten will er sie nicht, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger ist. Kurze Zeit darauf erfährt sie den Grund: Er hat eine andere Frau und mit ihr ein dreijähriges Kind.

Ionel ist am Boden zerstört, weiß nicht wohin. Sie fährt wieder nach Hause, kommt dann aber zurück, weil sie auf einer russischen Webseite ein Jobangebot als Zimmermädchen in einem deutschen Hotel findet. Ein halblegaler Job, der ihr zumindest eine Wohnung finanziert – aber eben auch nicht mehr. Eine Ausbildung hat Ionel nicht.

"Ich hatte kein Geld für die Untersuchungen, die ich brauchte, um zu sehen, ob es meinem Sohn gut geht", sagt Ionel, während die Tränen beginnen zu fließen. Nicht mal die richtigen Vitamine für Schwangere konnte sie sich leisten. Als der Bauch wächst, erklärt sie ihrem Arbeitgeber ihre Situation.

"Die haben mir gesagt, dass deutsche Frauen nicht arbeiten, wenn sie schwanger sind, sondern ihren Job kündigen, also habe ich das gemacht." Mit der Unterschrift auf der Kündigung steht Ionel vor dem Nichts. Sie verliert ihr Gehalt, ihre Wohnung und ihre Ansprüche beim Arbeitsamt. "Das Schlimmste war, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich mich und mein Kind ernähren soll", sagt Ionel. "Und wie es mit der Geburt überhaupt klappen kann." Ein paar Nächte schläft sie bei einer Familie, deren Großeltern sie pflegt, so lange sie es körperlich noch kann. Als das auch nicht mehr geht und niemand weiß, wohin mit der Hochschwangeren, ruft die Familie bei der Diakonie an.

65 Mütter und 46 Kinder suchten 2016 Hilfe

18 betroffene Mütter und 21 Kinder hat die Diakonie im Jahr 2016 in der Mutter-Kind-Wohnung aufgenommen. Im Jahr 2015 waren es noch zehn Mütter und zehn Kinder. Hinzu kamen sechs Schwangere in den beiden Jahren, von denen drei nach der Entbindung wieder in die Projektwohnung zurückgekehrt sind.

Der tatsächliche Bedarf allerdings liegt weit darüber. Insgesamt 46 Mütter und 65 Kinder suchten 2016 bei der Diakonie ein Dach über dem Kopf. 2015 waren es 55 Mütter und 85 Kinder. "Man sieht, eine Mutter-Kind-Wohnung reicht bei weitem nicht aus, vor allem, weil die Zahl der Betroffenen kontinuierlich steigt", sagt Stefanie Volkenandt, Leiterin der Ariadne Notschlafstelle für Frauen. Ob jemand einen Platz in dem Projekt bekommt, hängt zunächst davon ab, ob ein freies Bett vorhanden ist. Sollte es darauf mehrere Anwärterinnen geben, richten sich die Betreuer nach der individuellen Situation der Mütter.

Wer keinen Platz bekommt, hat nur noch eine andere Option, die Ariadne Notschlafstelle in Oberbilk. "Es ist die einzige Anlaufstelle in Düsseldorf, die sich ausschließlich an Frauen richtet", sagt Stefanie Volkenandt, die Leiterin der Einrichtung. "Viele Frauen wissen das aber nicht, oder können nicht genug Deutsch, um sich zu informieren." In den meisten Fällen werden die Frauen deshalb von der Polizei in die Ariadne gebracht. "Über 56 Prozent der wohnungslosen Frauen, die zu uns kommen, haben einen ausländischen Pass, kennen sich in Deutschland nicht richtig aus und fragen die Polizei nach Hilfe."

Dass sich die Frauen dazu überwinden, ist der Grund, warum die wenigsten von ihnen, und so gut wie keine Mütter mit Kind, obdachlos auf der Straße landen. "Vor allem Frauen mit Kindern tun alles dafür, um diese Situation zu vermeiden. Sie bleiben bis es gar nicht mehr geht in schlimmen Beziehungen, wandern von Couch zu Couch im Freundeskreis oder fragen, sogar die Polizei", sagt Volkenandt. Die Sozialpädagogin spricht deswegen auch von wohnungslosen Frauen und nicht von obdachlosen.

Die Notschlafstelle ist kein guter Ort für Kinder

In der Ariadne können die Frauen zwischen einer Nacht und drei Monaten bleiben. "Das Gebäude war mal ein Hotel und wir haben es zu einer Notschlafstelle umfunktioniert", sagt Volkenandt. Bis zu 20 Frauen können hier pro Nacht schlafen. Der Andrang ist jedoch so groß, dass die Sozialarbeiter inzwischen ihre Schlafmöglichkeit geopfert haben, um noch mehr Menschen unterzubringen.

Edel darf man sich den Wohnkomplex aber nicht vorstellen. Zwar wurde erst vor kurzem renoviert, aber schon beim Öffnen der Zimmertür schlägt einem der Geruch von Ungewaschenem entgegen. In einem Zimmer sieht man auf den Wänden große Flecken, die sowohl von Essen, als auch von Blut stammen könnten. Die Einrichtung ist ähnlich simpel wie in der Mutter-Kind-Bleibe: Es gibt Holzbetten, einen Tisch, Nachtschränke und ein Bad für jedes Zimmer.

"Aber in der Notaufnahmestelle ist es sehr eng, und auch wenn wir natürlich immer bemüht sind, Kinder und ihre Mütter so geschützt wie möglich unterzubringen, ist das nicht der richtige Ort für Kinder", sagt Volkenandt. "Spätestens im Flur treffen sie auf Frauen, die drogen- und alkoholabhängig oder psychisch krank sind, das lässt sich einfach nicht verhindern."

Ein Drittel der Frauen ist psychisch krank

Ein Drittel der Frauen, die hierher kommen, leidet an einer Psychose, ein weiteres Drittel ist drogen- oder alkoholabhängig, das zeigt ein Blick in den Jahresbericht der Ariadne. "Für ein Kind ist es einfach nicht zumutbar, wenn es mit jemandem in einem Zimmer ist, der Stimmen aus der Steckdose kommen hört, oder plötzlich beginnt unkontrolliert zu schreien."

Wenn es irgendwie geht, stellen die Zuständigen deshalb Müttern mit Kindern ein Einzelzimmer zur Verfügung. "Aber das Problem ist, dass wir eigentlich immer voll ausgelastet sind, erst recht im Winter – und zugleich verpflichtet sind, aufnahmefähig zu bleiben, für Notfälle." Eine schwierige Situation, die die Obdachlosenhilfe Fifty-Fifty 2015 erkannt und 250.000 Euro für die Mutter-Kind-Wohnung gespendet hat. "Das Projekt ist rein spendenfinanziert und ohne neue Spenden können wir keinen weiteren Wohnraum für diese spezielle Gruppe anbieten", sagt Volkenandt.

Wie sie sich erklärt, dass die Zahl der wohnungslosen Frauen und alleinerziehenden Mütter so stark wächst? "Das eine ist, dass wir einfach nicht genügen bezahlbaren Wohnraum haben. Das ist ein wirklich großes politisches Problem, die persönlichen Gründe sind dagegen sehr unterschiedlich", sagt Volkenandt. Psychische Probleme würden häufig dazu führen, dass Frauen ihren Job und damit ihre Wohnung nicht halten könnten. Zwangsräumungen wegen Mietrückständen kämen auch immer häufiger vor. "Und Beziehungsprobleme sind natürlich auch ein wichtiger Faktor. Viele Frauen haben jedoch ihren Mann als einzige finanzielle Absicherung und wissen dann nicht wohin."

Ionel und ihr Sohn haben es inzwischen geschafft. Vor kurzem wurde ihnen von der Sozialhilfe eine kleine Wohnung zugesprochen. Die weiteren Pläne: Deutsch lernen, eine Arbeit finden und dafür sorgen, dass Brian irgendwann mal in Deutschland zur Uni gehen kann. "Ich möchte, dass er irgendwann mal ein richtig gutes Leben führen kann", sagt Ionel.

Die Diakonie sammelt derzeit Spenden für eine zweite Mutter-Kind-Wohnung. Hier geht es zu der Aktion.