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Null Toleranz in Frankreichs Schulen

Paris. Die Situation sei ernst, sagte er. Denn an den Schulen gebe es "Kriminalität, sogar Barbarei". Und dann mahnte Nicolas Sarkozy: "Vergessen wir niemals die 17 Toten von Winnenden am 11. März." Das Staatsoberhaupt kündigte gestern verschärfte Sicherheitsmaßnahmen an Frankreichs Schulen an Von SZ-Mitarbeiterin Gesche Wüpper

Paris. Die Situation sei ernst, sagte er. Denn an den Schulen gebe es "Kriminalität, sogar Barbarei". Und dann mahnte Nicolas Sarkozy: "Vergessen wir niemals die 17 Toten von Winnenden am 11. März." Das Staatsoberhaupt kündigte gestern verschärfte Sicherheitsmaßnahmen an Frankreichs Schulen an. Mobile Einsatztruppen der Polizei, systematische Taschenkontrollen am Schultor und eine stärkere Videoüberwachung sollen helfen, der Gewalt an Lehranstalten Herr zu werden. Ein entsprechendes Gesetz soll noch im Juli ins Parlament eingebracht werden. Sarkozy bezog damit Position in der Debatte über Sicherheit an Schulen, die Frankreich seit Tagen erhitzt. Ausgelöst worden war sie durch zwei Fälle. So griff vor gut zwei Wochen ein 13-jähriger Schüler in der Nähe von Toulouse seine Mathematiklehrerin mit einem Messer an und verletzte sie durch Stiche in die Brust schwer. Erziehungsminister Xavier Darcos forderte daraufhin den Einsatz mobiler Einsatztruppen und sogar die Installierung von Waffendetektoren an der Schulpforte. Fast zeitgleich sorgte ein Polizeieinsatz an einer Grundschule bei Bordeaux für Empörung. Dort hatten sechs Polizisten einen Sechsjährigen und einen Zehnjährigen abgefangen und anschließend stundenlang auf der Wache verhört, ohne Lehrer und Eltern zu informieren. Die Kinder waren fälschlicherweise bezichtigt worden, Fahrräder gestohlen zu haben. Darcos' Forderung nach verschärften Sicherheitskontrollen stieß deshalb noch nicht einmal bei allen Mitgliedern der Regierungspartei UMP auf Gegenliebe. Doch Sarkozy will mit dem Sicherheitsthema nun offenbar die konservative Stammwählerschaft für die Europa-Wahl Anfang Juni mobilisieren. Nach einer Umfrage befürworten acht von zehn Franzosen sowohl Metalldetektoren am Schultor als auch mobile Einsatztruppen im Kampf gegen die gefühlte Verrohung an Schulen. Denn statistisch lässt sich nicht belegen, dass die Gewalt dort tatsächlich zunimmt. Im Gegenteil: Nach Angaben des Bildungsministeriums gab es im laufenden Schuljahr monatlich 35 Vorfälle mit Waffen. Das sind pro Monat zehn weniger als ein Jahr zuvor. Doch Sarkozy weiß aus der Vergangenheit, dass man mit dem Sicherheitsthema punkten kann. So hatte sich der 54-Jährige einst als Innenminister mit seiner Null-Toleranz-Politik einen Namen gemacht. Und bei der Präsidentschaftswahl 2002 kam Jean-Marie Le Pen vom rechtsextremen Front National überraschend in die Endrunde, weil die Sicherheitsdebatte den Wahlkampf beherrschte. Deshalb nutzte Sarkozy gestern die Debatte für einen Rundumschlag und ordnete auch die "Rückeroberung der Vorstädte" an, die von "Gaunern" beherrscht würden. Zugleich argumentierte er mit mehreren Fällen schulischer Gewalt, die während der vergangenen relativ nachrichtenarmen Wochen für Schlagzeilen gesorgt hatten. Lehrerverbände, mit denen das Staatsoberhaupt ohnehin wegen der geplanten Streichung von jährlich 11 000 Lehrer- und Aufsichtsstellen im Dauerclinch liegt, warfen Sarkozy vor, er dramatisiere die Lage. Sie fordern statt stärkerer Sicherheitsvorkehrungen mehr Mittel zur pädagogischen Betreuung. Und sie kritisieren, dass Junglehrer ohne Vorbereitung an Schulen in Problemvororten eingesetzt werden. Erziehungsminister Darcos will nun sogar das einjährige Referendariat ganz abschaffen und durch ein mehrwöchiges Praktikum ersetzen.