Niedlich ist langweilig

Niedlich ist langweilig

Saarbrücken. Eine feiste Alte mit schadhaften Zähnen trägt die Weltkugel im Schoß, im Mundwinkel eines Riesen brutzelt eine Entflohene ihr Abendmahl. Man kann sich auf den renommierten Illustrator Nikolaus Heidelbach verlassen: Er weiß zu überraschen

Saarbrücken. Eine feiste Alte mit schadhaften Zähnen trägt die Weltkugel im Schoß, im Mundwinkel eines Riesen brutzelt eine Entflohene ihr Abendmahl. Man kann sich auf den renommierten Illustrator Nikolaus Heidelbach verlassen: Er weiß zu überraschen. Seine Zeichnungen zu "Märchen aus aller Welt", zu denen der Grimms und Andersens (alle: Beltz & Gelberg) oder Bilderbücher mit eigenen Texten wie "Königin Gisela" und "Wenn ich groß bin, werde ich Seehund" beweisen es. Unvergleichlich, wie er Kinder malt, ihre Verspieltheit, ihren Wagemut, ihre Erfindungsgabe. Dralle, eigenwillige Geschöpfe fernab jeder Konvention und anbiedernder Lieblichkeit. Mit seinem ans Karikaturhafte grenzenden, trotzdem im Leben verwurzelten Stil, der Absurdes nicht scheut und auch für die Kinderliteratur keine Tabus kennt, hat Heidelbach von jeher gespalten, schwärmerische Bewunderung oder vehemente Ablehnung geerntet. Schönheit an sich interessiere ihn nicht, sondern Ausdruck. Gerade der kindliche, beim konzentrierten Spielen, Streiten, flegelhaften Benehmen, Heidelbach fängt ihn brillant ein. Man sagt ihm nach, er könne sich wie kaum ein anderer Illustrator in die kindliche Psyche versetzen. "Ich habe ein recht gutes Gedächtnis, das davon lebt, dass ich wach durch die Gegend gehe", meint Heidelbach dazu. Belehrende Kinderliteratur mit pädagogisch angehauchter Linie hält Heidelbach für problematisch. "Nur ein paar ganz Große dürfen das. Der frühe Wächter oder Wilhelm Busch und Heinrich Hoffmann. Natürlich ist das extrem moralisch, aber rutscht eine Figur wie die Witwe Bolte raus, na wunderbar", sagt er. Dass man glaube, für Kinderbücher brauche es Beschränkung, Verniedlichung, ärgert Heidelbach: "Wir sind von einer haushohen rosa Scheiße-Welle umgeben. Einige Gute gibt es immerhin, aber gemessen an der Wucht des Schwachsinns ist ihre Zahl eher verschwindend." Jean de Brunhoffs "Barbar" habe ihn in seiner Kindheit geprägt: "Das ist ein Buch, das damit anfängt, dass eine Mutter erschossen wird. Fabelhaft, verstehen Sie? Das darf man. Ich erinnere mich genau, wie aufregend das war, wie man sich den kleinen Elefanten anverwandelte." Comcis habe er heimlich gelesen, bei Heidelbachs zu Hause in Lahnstein am Rhein waren sie unerwünscht. Lasse man alles weg, was traditionell vom Bilderbuch gefordert würde, bliebe die Essenz übrig: "Erzähl' gefälligst eine gute Geschichte". Dieses Kredo setzt Heidelbach um. Wer sonst kann solche Erdmännchen-Königreiche mit herrschsüchtigen Mädchen und durchalphabetisiertes, kindliches Treiben schaffen wie er in "Königin Gisela" oder "Was machen die Jungs?" und dessen weiblichem Pendant? Die Aufbruchstimmung der 70er und 80er Jahre, antiautoritäre Erziehungswelle, Vorlieben für Zeichner wie eben F.K. Wächter, Ungerer, Sempé, Edward Gorey, Walter Schmögner haben Heidelbach geprägt. Sein erstes Buch, "Bilderbogen", erschien 1980 bei DuMont, später kam er über Hans Joachim Gelberg zu dessen Verlag. Heidelbachs Oeuvre, er illustriert auch Bücher für Erwachsene, ist mit Preisen dekoriert, darunter der Deutsche Jugendliteraturpreis, der Sonderpreis des Jugendliteraturpreises fürs Gesamtwerk, und ganz aktuell der Rattenfänger-Literaturpreis für "Wenn ich groß bin, werde ich Seehund", aus dem er am Freitag auf der Buchmesse vortragen wird.Lesung mit Heidelbach: Freitag, 14 Uhr; Signierstunde: Samstag, 15 Uhr, in der K4 Galerie (Karlstr. 4, SB), im Rahmen der Ausstellung "Märchenhaft". Weitere Infos und alle Termine unter: www.buchmesse-saarbruecken.eu