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Nichts ist vorne wie hinten

Auf die Rückseite der „Zwei Badenden in Wellen“ (1912) malte Kirchner später „Zwei Frauen auf der Straße“ (1914). Foto: Achim Kukulies
Auf die Rückseite der „Zwei Badenden in Wellen“ (1912) malte Kirchner später „Zwei Frauen auf der Straße“ (1914). Foto: Achim Kukulies FOTO: Achim Kukulies
Mannheim. 138 Mal bemalte der deutsche Expressionist Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) Leinwände – gleich zweimal. Dieses Phänomen rückt die Ausstellung „Der doppelte Kirchner“ in den Fokus. Die Schau besitzt Ausnahmeformat. Cathrin Elss-Seringhaus

Was mag den Künstler an den "Zwei Badenden in Wellen" gestört haben, die er 1912 auf der Ostseeinsel Fehmarm gemalt hatte? Ahnte Ernst-Ludwig Kirchner, dass er die Nachwelt mit seinen fiebrig-gespenstischen Berliner Straßenszenen stärker beeindrucken würde? Jedenfalls platzierte er 1914 auf der Rückseite der "Zwei Badenden" seine "Zwei Frauen auf der Straße" und erklärte letzteres Motiv damit zur "richtigen", zur Vorderseite. Aber warum? Sparnöte scheinen zu simpel. Kirchner erwähnt sie nur einmal: Das Material sei kostspielig geworden, schrieb er 1919: "Aber die Leinwand hat Gott sei Dank zwei Seiten."

Also lässt sich spekulieren, was Kirchner gegen manches Frühwerk hatte, etwa gegen die "Liegende Frau im Weißen Hemd" (1909). Manche Szenarien können die Nähe zu Matisse nicht leugnen. Und man weiß um Kirchners Wutausbrüche, wurde er mit vermeintlichen Vorbildern in Beziehung gebracht. Jedenfalls wollte der Künstler nicht nur bei der "Liegenden", dass die Kunstwelt statt ihrer ein deutlich dunkler eingefärbtes, sachlicheres Spätwerk anschaut, die "Nackte Frau am Fenster", die er 1922/23 auf die Rückseite malte. Doch nicht nur in diesem Fall kam es anders: Museen und Sammler schätzten in der Regel Kirchners Frühwerk, das während seiner Mitgliedschaft in der Künstlergemeinschaft "Brücke" entstand, höher ein als die nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Gemälde. Dementsprechend hängten sie die Bilder auf - mit der Rückseite nach vorne. Ein Verstoß gegen die sogenannte "Werkintegrität", sprich gegen den urheberrechtlichen Willen des Künstlers. Inwieweit dies überhaupt zulässig ist, darüber stritt die Kunsthistoriker-Zunft bisher nur zögerlich.

"Unsere Ausstellung ist ein Appell, sorgsamer mit den doppelt bemalten Kirchner-Leinwänden umzugehen", sagt die Mannheimer Kuratorin Inge Herold. Das klingt nach einer sehr akademischen Veranstaltung. Aber diese Mutmaßung ist ganz und gar falsch. Denn Kirchners Kunst erweist sich jenseits des durch die Mannheimer Ausstellung beförderten wissenschaftlichen Diskurses einmal mehr als Augenfest. Eines mit hohem Ertrag, denn es lassen sich Brüche und Konstanten zwischen Kirchners Früh- und Spätwerk mühelos und so konzentriert wie selten ablesen.

Bilder wie Skulpturen


Die kleine, feine Ausstellung lässt also viel Raum für vergleichendes Schauen. Sie verblüfft durch eine sehr unkonventionelle Präsentation: Hier ist alles vorne wie hinten - beidseitig sichtbar. 17 repräsentative Exemplare von bislang 138 bekannten Kirchner-Doppelbildern wurden auf Sockeln aufgebaut, sie lassen sich umrunden wie Skulpturen. Angereichert wird die Gemälde-Parade durch biografische Foto-Dokumente. Sie zeigen Kirchner, den wohl eigenwilligsten und sprödesten "Brücke"-Maler, zunächst in der Berliner Bohemien-Szene und dann, ab 1917, in der Davoser Abgeschiedenheit. Dorthin zog Kirchner sich nach Weltkriegserlebnissen zurück, ein hochgradig süchtiger Mann. Der Rundweg führt am Ende in einen spielerischen Raum. Dort baumeln die 138 Doppelbilder als Postkarten von der Decke; der jeweilige Forschungsstand wird mit dokumentiert.

Außerdem trifft man in Mannheim erstmals einen nahezu "reinen" Kirchner aus frühester Zeit. Der unfertig anmutende "Marokkaner" (1909/1910), zusammengestaucht wie ein Zwerg, glüht und sprüht in Kirchner-untypischen, frühlingshaften Farben. Die zeichnerischen "Marokkaner-Skizzen" kennt man. Doch als Gemälde wurde der "Marokkaner" erst jüngst in Mannheim restauriert - als bisher verborgene Rückseite des in der Kunsthalle nach vorne weisenden Werkes "Gelbes Engelufer, Berlin" (1913). Genau so hat es Kirchner gewollt - und enthielt uns etwas Kostbares vor.

Die Mannheimer Schau fordert heraus, über Geschmacks- und Beurteilungsmuster nachzudenken, auch über die eigenen. Das macht den Besuch zu einem außergewöhnlichen, zu einem belebenden Ereignis.

Bis 31. Mai, Friedrichplatz 4 in Mannheim . Di bis So 11 bis 18 Uhr, Mi bis 20 Uhr; Mo geschlossen. Infos: Tel. (06 21) 2 93 64 52.