Neuer Chef der Deutschen Bank greift durch

Frankfurt · Bei der Deutschen Bank wird es ungemütlich. Das neue Management kehrt mit eisernem Besen und schwört Aktionäre und Mitarbeiter auf einen harten Sparkurs ein. Noch liegen nicht alle Grausamkeiten auf dem Tisch.

John Cryan macht ernst. Zu seinem 100. Tag an der Spitze der Deutschen Bank startet der neue Chef die Aufräumarbeiten - ohne Rücksicht auf Verluste. Schonungslos macht der Brite deutlich, für wie schlecht er den Zustand des größten deutschen Geldhauses hält. Das neue Management schreibt Milliarden auf einst hochgelobte Zukäufe wie Postbank und Bankers Trust ab und mutet dem Institut das höchste Minus in einem Quartal in der Firmengeschichte zu: 6,2 Milliarden Euro.

Ein noch stärkeres Signal, dass niemand geschont wird, ist die Ankündigung, die Dividende für 2015 womöglich zu streichen. Es wäre das erste Mal in der Nachkriegsgeschichte, dass das Institut nichts an seine Aktionäre ausschüttet. Das soll Luft für Investitionen verschaffen, etwa zur Modernisierung der IT. Zudem will sich das Management trotz immer strengerer Anforderungen der Regulatoren eine Kapitalerhöhung ersparen.

Hart wird es auch für die Mitarbeiter, deren Boni zusammengestrichen werden dürften. Zudem droht angeblich ein massiver Stellenabbau: Über die beschlossene Trennung von der Postbank mit ihren 15 000 Mitarbeitern hinaus könnten dem Sparkurs bis zu 10 000 weitere Jobs zum Opfer fallen. Schon zu seinem Antritt im Juli ließ Cryan keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit, die Bank nach der glücklosen dreijährigen Amtszeit des Duos Anshu Jain und Jürgen Fitschen umzukrempeln. Ein Durchwurschteln und Imagekosmetik ist mit dem als Sanierer gelobten Manager nicht zu machen: "Den Status quo beizubehalten, ist keine Option." Es gehe darum, "eine bessere Deutsche Bank zu schaffen", betonte Cryan in einer Botschaft an die gut 98 000 Mitarbeiter.

Cryans Kurs ist auch eine schonungslose Abrechnung mit seinen Vorgängern. Nicht nur mit dem im Juni ausgeschiedenen Anshu Jain , sondern gleich mit allen Chefs der Deutschen Bank, die seit Ende der 1990er Jahre das Heil des Konzerns im Investmentbanking sahen. Cryan schrieb den gesamten sogenannten immateriellen Firmenwert auf die US-Bank Bankers Trust ab, durch deren Übernahme 1999 die Deutsche Bank erst eine globale Größe im Kapitalmarktgeschäft wurde.

Das Investmentbanking ließ die Gewinne der Deutschen Bank bis zur Finanzkrise in ungeahnte Höhen schießen. Doch die Erfolgsgeschichte basierte auch auf unsauberen Geschäftspraktiken - wie etwa die Milliardenstrafen im Libor-Skandal um manipulierte Zinssätze belegen.

Seit Jahren reißen die Kosten für Altlasten nicht ab. Im laufenden Jahr summieren sich die Rückstellungen für Rechtsrisiken auf rund vier Milliarden Euro - und es könnten noch mehr werden. "Wie ich Ihnen bereits früher mitgeteilt habe, rechne ich damit, dass Kosten und Belastungen aus Rechtsstreitigkeiten uns auch in zukünftigen Quartalen weiter belasten werden", erklärte Cryan.

Auch die Postbank-Übernahme mitten in der Finanzkrise erweist sich nun als teurer Fehlgriff. Das Bonner Institut sei 2008/2010 "für mehr als den Marktwert" erworben worden, analysierte Cryan kühl. Gut sechs Milliarden Euro legte die Deutsche Bank unter Josef Ackermann für die Postbank auf den Tisch. Der Plan, damit ein zweites starkes Standbein in der Heimat zu schaffen, ging nie auf. Noch zu Jains Zeiten zog das Management die Notbremse und stellte die Weichen für die Trennung von der Postbank . Was Cryan darüber hinaus vorhat, um die Deutsche Bank wieder in sicheres Fahrwasser zu bringen, will er Ende Oktober verkünden.