Weltgrößte Industrieschau: Wie Roboter geräuschlos Muskeln zeigen

Weltgrößte Industrieschau : Wie Roboter geräuschlos Muskeln zeigen

Der Saar-Forschungsstand auf der Hannover Messe gibt Einblicke in die Zukunft. Wissenschaftler zeigen zum Beispiel neuartige Roboter-Greifer.

Plötzlich setzt sich der Roboterarm in Bewegung. Geräuschlos greift er sich einen Gegenstand und hält ihn sicher fest. Er bewegt den Gegenstand frei im Raum und setzt ihn an einer anderen Stelle ebenso sicher ab. Diese lautlos agierende Technologie ist neu und kann insbesondere in der Autoindustrie für komfortablere Abläufe in der Produktion sorgen. Denn dort verursachen Roboter bisher beim Greifen deutlich hörbare Zischlaute. Am Saar-Forschungsstand auf der Hannover Messe stößt die Neuentwicklung auf großes Interesse.

Das Verfahren basiert auf einem neuartigen Sauggreifer, den ein Forscherteam um Professor Stefan Seelecke an der Saar-Uni und am Saarbrücker Zentrum für Mechatronik und Automatisierungstechnik entwickelt hat. Der Roboter-Sauggreifer arbeitet wie ein künstlicher Muskel: ohne Druckluft und stromsparend. Paul Motzki verdeutlicht am Forschungsstand, dass der Sauggreifer den gleichen Effekt hat wie ein Saugnapf im Bad, bei dessen Einsatz auch ein Vakuum erzeugt wird. Der Roboter-Sauggreifer braucht nur kleine Stromimpulse, um zu funktionieren: einen, um das Vakuum herzustellen, und einen, um es wieder zu lösen. In den Sauggreifer integriert sind winzige Drähte aus Nickel-Titan, die als Antrieb dienen. Je nach erzeugter Temperatur können sie sich verkürzen oder ausdehnen. Diese Bewegung erzeugt der Strom­impuls, und der Greifer arbeitet dann wie ein Muskel. In Hannover suchen die Entwickler nun industrielle Partner. Die Präsenz auf der Messe hält Professor Seelecke für sehr wichtig, um auch auf den Standort Saarland aufmerksam zu machen.

Auch die Saarbrücker Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) macht mit dem Projekt „Oceancube“ am Forschungsstand auf sich aufmerksam. Sie setzt ausdrücklich auf Fischzucht von Salzwasserfischen, aber auf kleine, standardisierte Anlagen, die eine Stellfläche von nur 100 Quadratmetern benötigen. Diese Anlagen eignen sich besonders für den regionalen Einsatz, können aber auch weltweit an nahezu jedem Ort eingesetzt werden. Zielgruppe sind nach Auskunft von Daniel Lang, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HTW, Land- und Fischwirte sowie regionale Hotel- und Gastronomiebetriebe.

Die Anlage soll im kommenden Jahr in Serie gehen. Sie besteht aus drei Schiffscontainern, die weltweit verschifft werden können, einem Becken aus Polyethylen, einem Bio-Filter, einem Trommelfilter und einem Abschäumer. 60 000 Liter Wasser werden für die Fische benötigt. Die Anlage braucht lediglich ein festes Fundament, Frischwasserzufuhr, ein Abwassersystem und Strom. Das Projekt wird vom Bundeswirtschaftsministerium und Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds gefördert. Die Entwickler der Anlage sprechen von der ersten komplexen, klein ausgelegten und schlüsselfertigen Kreislauf-Aquakultur-Anlage. Sie ermögliche eine artverträgliche, betriebssichere und zugleich ressourcenschonende Produktion.

Dirk Werth, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Direktor des August-Wilhelm-Scheer-Instituts für digitale Produkte und Prozesse (AWSI), zeigt auf dem Forschungsstand, wie Maschinen heute schon in gleicher Geschwindigkeit wie Menschen die Tastatur eines Computers bedienen und einfache Tätigkeiten zuweilen sogar noch schneller selbst erledigen können: Standardbriefe, Einladungsschreiben, Ausstellen eines Park- oder auch Personalausweises, Buchhaltung. „Der Mensch kann sich in der Folge auf anspruchsvollere Tätigkeiten konzentrieren“, sagt Werth. Zudem zeigt das Institut auf, wie zum Beispiel ein Modehersteller seine Produktion verbessern kann. Dazu wurden rund zwei Millionen Datensätze von hergestellten Produkten vom Institut elektronisch gesammelt und analysiert. So lässt sich sehr schnell feststellen, welche Qualitätsfehler bei welchen Produkten und Materialien in welchen Ländern häufiger auftreten. Oder im Umkehrschluss, in welchen Ländern oder an welchen Standorten am besten produziert wird.

„Denkende Räder“ mit ihren Möglichkeiten demonstriert das Team um Professor Matthias Nienhaus vom Lehrstuhl für Automatisierungstechnik an der Saar-Universität. Dabei geht es um sich selbst steuernde Förderrollen, mit denen man Probleme in der Logistik von Versandhändlern und Paketdiensten lösen kann. Jede Transportrolle hat dabei einen mit Sensoren ausgestatteten kleinen Motor. So kann nicht nur jede Förderrolle individuell angesteuert und die Paket-Sortierung durch mehr Flexibilität in den Transportwegen beschleunigt werden. Einzelne Förderrollen können auch angesteuert und repariert werden, ohne dass die gesamte Anlage gestoppt werden muss.