Wie Halberg Guss das Jahr bestimmt hat

Jahresrückblick 2018 : Der Kampf um Halberg Guss

Mit der Übernahme durch Prevent begann ein Drama um die Zukunft der über 2000 Mitarbeiter der Gießerei.

Halberg Guss muss leben!“ Dieser Satz war auf T-Shirts und Taschen zu lesen und in großen Lettern auf einem Plakat. Viele Male haben die Mitarbeiter der Neue Halberg Guss (NHG) dieses Plakat hochgehalten: auf Kundgebungen in den Straßen Saarbrückens, vorm Landtag, bei Versammlungen in der Brebacher Turnhalle, hinterm Firmentor. „Halberg Guss muss leben!“ – dieser Satz wurde zum Inbegriff eines beispiellosen Kampfes der Belegschaft um die Rettung ihrer Arbeitsplätze in der traditionsreichen Saarbrücker Gießerei und ihres Schwesterwerks in Leipzig mit einschließlich Leiharbeitern 1500 Beschäftigten hier und 700 im Osten. Zugleich spiegelten sich in der Parole die Sorgen, die Ängste und die Verzweiflung der Mitarbeiter, weil es lange so ungewiss war, ob das Unternehmen noch eine Zukunft hat.

Ende November kam der Moment der Erleichterung. Die verhasste Prevent-Gruppe verkaufte die Neue Halberg Guss (NHG) an die Münchener Investmentgesellschaft One Square Advisors. Die Mitarbeiter bejubelten auf einer Betriebsversammlung die neuen Chefs, die denn auch den erhofften Neustart des Unternehmens ankündigten. Alle noch verbliebenen Beschäftigten können erst einmal bleiben. Die Produktion läuft wieder fast auf Volldampf. Es herrscht Aufbruchstimmung. Dass die Prevent-Gruppe den Verkauf rückgängig machen will, macht hier niemandem Angst. Keiner glaubt daran, dass die früheren Chefs noch einmal zurückkehren.

Die Gießerei in Saarbrücken-Brebach heißt nicht mehr Neue Halberg Guss. Die lange Tradition des Unternehmens soll nach dem Überlebenskampf unter dem neuen Namen Gusswerke Saarbrücken GmbH weiterleben. Foto: BeckerBredel

Das Drama nahm seinen Anfang im Verborgenen. Nicht lange nachdem die Süddeutsche Beteiligungs GmbH (SDL) die Neue Halberg Guss im Juli 2017 übernommen hatte, verhandelte sie schon wieder über einen Weiterverkauf. Im Dezember meldete dann eine Berliner Investmentgesellschaft namens Castanea Rubra Assets GmbH ihre Kaufabsicht beim Bundeskartellamt an und bekam im neuen Jahr am 19. Januar die Genehmigung. Belegschaft und Betriebsrat waren überrascht. Schon wieder ein neuer Eigentümer? Castanea, wer? Als sich aufklärte, dass hinter Castanea Rubra Assets die Prevent-Gruppe stand, keimten die ersten Sorgen. Die als VW-Schreck bundesweit bekanntgewordene Gruppe steuerte nun ein Unternehmen, das zu mehr als der Hälfte von Aufträgen des Wolfsburger Konzerns für Motorblöcke abhing. Konnte das gutgehen? Das Misstrauen von Betriebsräten und Gewerkschaftern sollte sich bald als berechtigt erweisen.

Volkswagen, offenbar auch durch den Übernahme-Coup in Saarbrücken überrascht, ging zunächst andernorts in die Konfrontation mit Prevent und kündigte im März Zulieferverträge mit zwei Tochtergesellschaften der Gruppe. Bei VW war offenbar längst eine Grundsatzentscheidung gefallen: keine Zusammenarbeit mehr mit Prevent. Der Zulieferer, der zur weit verzweigten Unternehmensgruppe der bosnischen Hastor-Familie gehört, hatte Volkswagen über Jahre in Brasilien und später auch in Deutschland zugesetzt und aus Sicht der Wolfsburger Schaden in dreistelliger Millionenhöhe angerichtet. Mit einer Masche, die im April auch bei der Neue Halberg Guss beginnen sollte: drastische Preisforderungen, die mit Lieferstopps zugespitzt werden. Wucher und Erpressung warf Volkswagen Prevent vor. Das NHG-Management rechtfertigte das Vorgehen immer wieder damit, dass VW keine langfristigen Zusagen über die Abnahme von Motorblöcken mache.

Foto: BeckerBredel

In der Tat ging es nicht um eine kleine Preisanhebung, sondern um einen Aufschlag von bis zu 700 Prozent, wie ein später vorm Landgericht Saarbrücken laufendes Verfahren dokumentiert. So ließen sich in kurzer Zeit zweistellige Millioneneinnahmen erzielen, weil Volkswagen nicht auf die Schnelle die Neue Halberg Guss durch eine andere Gießerei ersetzen konnte – und daher wohl oder übel zahlen musste.

Betriebsrat und Gewerkschaft IG Metall schlugen Alarm und riefen die Mitarbeiter zu einer Informationsveranstaltung zusammen. Patrick Selzer, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Saarbrücken, hatte damals schon den Verdacht, dass „die Neue Halberg Guss dazu missbraucht wird, um zum Gegenschlag gegen VW auszuholen“. Die Geschäftsführung wiegelte ab und sprach von „Lieferverzögerungen“. Das glaubte in der Belegschaft niemand. Die Angst stand in den Gesichtern, dass bei der Neue Halberg Guss die Lichter ausgehen könnten. Und Wut brach sich Bahn. Auf dieser ersten Versammlung rief jemand aus der Menge: „Das sind alles Verbrecher!“. Er meinte offenbar die neuen Eigentümer. Hinter dem harschen Vorwurf verbarg sich der Verdacht, dass Prevent auf Kosten der Mitarbeiter das Unternehmen aussaugen und Millionensummen herausziehen will, dass also Prevent eine Heuschrecke ist, wie man landläufig Unternehmen mit solchen Geschäftspraktiken nennt. Schon im April deutete sich damit der scharfe Konflikt an, der die kommenden Monate bestimmen sollte.

Streikende NHG-Beschäftigte auf dem Motorrad unterwegs durch Saarbrücken. Foto: BeckerBredel

Volkswagen war nur das erste Opfer der Erpressungsstrategie der neuen Eigentümer. Weitere Kunden sollten unter Druck geraten. Denn bald war klar, dass Aufträge wegbrachen. Der Motorenhersteller Deutz, der sich eigentlich vertraglich abgesichert wähnte, klagte und setzte vorm Saarbrücker Landgericht im Oktober schließlich die weitere Belieferung zu den vereinbarten Konditionen durch. Nicht nur Kunden, auch Lieferanten hatten zu leiden. Prevent führte auch mit ihnen Preiskämpfe. Im Herbst wurden zeitweise keine Rohstoffe angeliefert. Selbst der wichtigste Rohstoff, der Schrott, ging aus. Die Produktion kam zeitweise zum Erliegen. Mitte Oktober musste sich das Werk laut Betriebsrat wegen eines Streits mit dem Stromversorger um ausstehende Zahlungen sogar darauf vorbereiten, dass wortwörtlich die Lichter ausgehen. Im allerletzten Moment wurde die Abschaltung der Fabrik verhindert.

Die Hauptleidtragenden dieses Geschäftsmodells waren die Mitarbeiter. Sie traf es mit voller Wucht. Jeder Arbeitstag war begleitet von der Angst um den Arbeitsplatz. Denn die Geschäftsführung verkündete wegen rückläufiger Aufträge bald Pläne für den Abbau mehrerer hundert Stellen in Saarbrücken und die Schließung des Leipziger Werks. Über die Monate wurden die Zahlen für Entlassungen immer höher.

Gewerkschaft und Betriebsrat setzten auf Konfrontation und mobilisierten den Widerstand der Belegschaft. Los ging es mit Warnstreiks, dann folgte im Sommer ein sieben Wochen langer Dauerstreik für einen Sozialplan, der die Folgen des Kahlschlags abfedern sollte. Und ein belastbares Zukunftskonzept wurde gefordert. IG Metall und Belegschaft verlangten viel und bauten maximalen Druck auf. Das NHG-Management warf der Gewerkschaft einen „Kamikaze-Kurs“ vor, zog gegen den Streik vors Arbeitsgericht und drohte sogar mit Schließung des ganzen Unternehmens. Vergeblich. Die Gerichte stoppten den Arbeitskampf nicht, und die Belegschaft ließ sich nicht einschüchtern. Sie demonstrierten in Saarbrücken und Frankfurt, skandierten auf Kundgebungen ihr Streik­lied „Keiner schiebt uns weg!“ und verlangten immer wieder „Halberg Guss muss leben!“ Und immer offener wurde die Forderung laut: Prevent muss weg und ein neuer Eigentümer her.

Ende Juli gab es erste Hoffnung. Geschäftsführung und Arbeitnehmervertreter stiegen in eine Schlichtung ein. Der Streik wurde unterbrochen – und bald auch die Schlichtung, weil Verkaufsverhandlungen mit Investoren begannen. Mitte September erklärte die Geschäftsführung die Schlichtung aber für gescheitert und sah kaum Aussichten für einen Verkauf.

Es wurde aber doch verhandelt: mit One Square Advisors. Quälende Monate der Ungewissheit folgten. Die Auseinandersetzung des NHG-Managements mit Lieferanten und Mitarbeitern eskalierte. Ende November wurden mehr als 200 Kündigungen in Saarbrücken eingeleitet. Beobachter sahen darin einen Schachzug von Prevent, um in den Verkaufsgesprächen noch mehr herauszuholen. Am 29. November wurde schließlich der Verkauf verkündet, am 7. Dezember offiziell mit allen Formalitäten besiegelt. Halberg Guss lebt weiter – in Saarbrücken und Leipzig, allerdings ohne das traditionsreiche „Halberg“ im Namen. Das hiesige Werk ist als Gusswerke Saarbrücken GmbH in die Zukunft gestartet.

Mehr von Saarbrücker Zeitung